FREILESEN · ROMAN

Das Ende
der Liebe

Ann Ju
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Prolog

Du wehrst dich gegen meine Umarmung. Dein Herz pocht wüst und wild, du windest dich, du willst das nicht. Ich umschließe dich enger, mein Engel. Ich umfange dich fest, solange bis du still wirst. Dein Herzschlag verlangsamt sich, deine Streichholzärmchen werden schlaff und schwach, dein ganzes Du sackt zusammen und mein ganzes Ich hält dich. Du und ich sind jetzt ein Wir. So soll es sein, so ist es vorgesehen. Alle sehen uns und ich weiß es, ich will es so. Sie sehen uns als verschmolzene Masse aus Materialien, Nylon, Gummi, Wachstuch. Regenanzug, Gummistiefel, Anorak. Blau, rot, gelb gestreift, Enten, Sterne, Tintenfisch. Groß und weit und schmal und klein. Shh shh, flüstere ich in dein Ohr, du bist nicht allein. Ein anderes Kind heult im Hintergrund, ein Vater seufzt, ein Dackel bellt. Eine der Schaukeln quietscht und knarzt, wie lange wird sie wohl noch halten, ein Mädchen rutscht ab vom Hangelbogen. Ich bin eine gute Mutter, denn ich kann mein Kind beruhigen. Mama liebt dich. Über alles.

Es ist gut, alles ist gut, mein Kind. Das ist eine Lüge, zur rechten Zeit ausgesprochen. Wer könnte schon allen Ernstes behaupten, dass alles gut sei. Die Botschaft ist wohlfeil, allein es ist einerlei. Du hörst die Worte und glaubst sie mir, denn ich bin dein Tor zur Welt. Mein Schwindel nimmt dir die Schwere, bloß noch ein letzter Schluchzer, dann atmest du freier und lehnst dich zurück. Meine Hände geben dir Halt. Ich kann dein Gesichtchen betrachten und der Frohsinn findet sich ein in deinen zarten Zügen. Du besiehst mich, liest in meiner Mimik den rechten Blick, du spiegelst mich. Wir lächeln einander an, bis zur Hochzeit ist alles wieder gut, mein Schatz, und du springst auf und rennst zur Rutsche. Von eben dieser bist du vor wenigen Minuten mit der Nase zuerst im Dreck gelandet. Ein dumpfes Geräusch beim Aufprall, ein spitzer Schrei, das Stieben von Sand. Gelächter. Der unangenehme Junge mit dem Pflaster auf der Brille hat dich heruntergeschubst. Am liebsten würde ich mir das hässliche Bürschlein schnappen und gehörig die Meinung geigen, doch das gehört sich nicht. Auch du wolltest ihm die Meinung geigen, und nicht nur das, den nassen Sand zur Retourkutsche hattest du schon in der Hand. Doch so benimmt man sich nicht, mein Kind. Ich habe es unterbunden, dich zu mir geholt und deinen Zorn geerntet. Mein Liebling, du musst es nicht verstehen, Liebe macht alles wieder gut. Nun schreist du nicht mehr, nun rutschst du wieder und so soll es sein.

1 Ben

Hat er irgendwo ein Lager zur Aufbewahrung der grüngelben Rotze, die ihm tagaus tagein aus der Nase sickert? Es ist doch unmöglich, dass all dieses Zeug in seinem kleinen Kinderkopf Platz findet. Ich sehe nur zwei Möglichkeiten. Entweder fehlt ihm ein Gehirn. Dagegen spricht, dass er reden kann und laufen ja auch. Das macht das Gehirn, hat Mutti erklärt. Oder, und so muss es dann wohl sein, er hat irgendwo außerhalb seines Körpers ein Lager, vielleicht eine kleine Halle oder eine große Garage wie der Vater von Susi, und in dieser Garage lagert er nicht wie der Vater von Susi Werkzeuge, kaputte Mopeds und Tussikalender von vor fünf Jahren, sondern Rotze, eine enorme Menge grünlich gelbem oder anderntags gelblich grünem Nasenschleims, womöglich abgefüllt in Schraubgläser, wie die mit Marmelade auf dem Regal in der Garage von Susis Vater, das Susis Vater Susis Mutti ausnahmsweise zur Verfügung gestellt hat, ihr Refugium, wie sie es nennt. Wir wissen leider nicht, was ein Refugium ist, Susi und ich. Doch ich könnte mir vorstellen, und damit zurück zu Ben, dass vielleicht auch Bens Vater eine Garage hat und Ben darin ein Refugium mit Schraubgläsern voller Schnodder. Dort trudelt er jeden Morgen vor der Schule ein, er schnappt sich ein Glas aus dem Regal und ist bereit für den Tag. Ich bin noch ratlos, wie er den Sums vom Glas in die Nase bugsiert, aber habe hierbei seine Ohren im Verdacht. Ben hat sehr große, sehr abstehende Ohren, die purpurfarben schimmern, wenn die Sonne darauf scheint. Vielleicht neigt er den Kopf zur Seite, öffnet das Schraubglas, kippt den Inhalt in sein oberes Ohr, wartet kurz und ist fertig aufgeladen. Es gibt eine Verbindung zwischen Ohr und Nase, hat Mutti erklärt. Da bin ich sicher.

Ich wäre jetzt gern bei Ben daheim. Dann könnte ich ihn fragen, ob sein Vater eine Garage hat, wie Susis Vater und wir könnten zu der Garage spazieren und ich könnte Bens Refugium suchen. Damit wäre alles absolut klar. Aber wir sind bei Susi, denn Susi hat Geburtstag. Ben ist ebenfalls eingeladen, deswegen ist er ebenfalls da. Mehr Kinder darf Susi nicht einladen, somit sind wir bloß zu dritt. Drei Kinder. Und fünf Erwachsene. Susis Vater, Susis Mutti, Susis Onkel, die Nachbarin Frau Lehmann und ihr Lebensabschnittsgefährde Der Rolf. Wir sitzen alle an einem riesigen, runden Tisch und essen einen riesigen, runden Kuchen. Bens Nase läuft. Susi ist missmutig, aus sehr vielen verschiedenen Gründen heraus. Sie wollte mehr Kinder einladen. Ganz allgemein mehr. Und im Speziellen, weniger Bens. Ben ist fast zwei Jahre jünger und einen Kopf kleiner als Susi und ich. Wir spielen mit ihm auf dem Hof, im Wäldchen und an den Garagen, weil wir da alle wohnen, ich eher beim Hof, Ben eher beim Wäldchen, Susi eher bei den Garagen, gleichzeitig alle nahe des Kletterpilzes, unter dessen weißaufrotgetupften Dach wir bei Regen Schutz suchen. Wenn ich zu Susi laufe, schaut meine Mutti aus dem Fenster wie ich zu Susi laufe und wenn Susi zu mir läuft, schaut Susis Mutti aus dem Fenster wie Susi zu mir läuft und bei Ben schaut niemand aus dem Fenster, aber ich nehme an, seine Eltern begrüßen es ebenso, wenn er in der Nähe bleibt. Es ist praktisch.

Zieht man die Behinderten und Knalltüten ab, sind wir die einzigen Kinder im Wohngebiet. Sonst wohnen hier viele Omas und Opas, obwohl manche gar keine Omas oder Opas sind, weil sie keine Enkel haben, sie sind einfach nur alt und wohnen hier. Es gibt deutlich mehr Omas als Opas. Sie schieben ihre kleinen Wagen zur Kaufhalle und kaufen eine Packung Butter und eine Packung Schinken und zwei weiche Brötchen beim Bäcker vorn in der Kaufhalle drin und danach schieben sie ihren kleinen Wagen zurück nach Hause. Sie bewegen sich langsam wie die Faultiere, aber sie sind nicht faul, sie haben Schmerzen, hat Mutti erklärt. Sie haben nicht die ganze Zeit Schmerzen, nur wenn sie rasen würden wie wir Kinder, dann hätten sie Schmerzen und das wollen sie nicht, deswegen laufen sie gaaaaanz laaaaaangsam. Auf diese Weise kommen sie dennoch an und haben nebenbei gleich den Tag gefüllt. Alte Leute haben sehr viel Zeit. Sie gehen nicht arbeiten wie Mutti oder Susis Vater und Susis Mutti. Sie stehen trotzdem früh auf, um den Weg zur Kaufhalle zu schaffen, für den sie ja wiegesagt viel länger brauchen im Vergleich zu uns Kindern. Manche kümmern sich zudem um die Katzen im Wohngebiet, aber wirklich bloß die Omas, nicht die Opas. Wiederum auch nicht alle Omas. Manche Omas verscheuchen die Katzen. Kusch, rufen sie und die Katzen sträuben das Fell, springen in die Luft und wetzen davon. So eine Oma ist Frau Lehmann. Aber Frau Lehmann ist eine von den Omas, die gar keine Omas sind. Frau Lehmann hat keine Enkel. Ich nehme an, deswegen sitzt sie heute hier auf der Geburtstagsfeier von Susi.

Und Susi findet das richtig mies. Erst Ben, der viel jünger ist als wir und nur hier hockt, weil es praktisch ist. Dazu Frau Lehmann, die viel älter ist als wir und nur hier hockt, weil sie nebenan wohnt. Der Rolf ist Frau Lehmanns Lebensabschnittsgefährde und das ist wahrscheinlich der Grund, weswegen er hier hockt, doch wenn er gefährlich wird, ist mit Sicherheit Susis Onkel zur Stelle, was der Anlass für seine Einladung sein dürfte. Susis Onkel ist Polizist. Er ist nicht groß, aber er hat sehr viele Muskeln, besonders an den Armen und er ist sehr heiß, hat Susis Mutti gesagt. Nicht zu uns, aber ins Telefon. Es ist also alles abgesichert. Susi ist trotzdem schlecht drauf.

Ich fasse zusammen. Susis Mutti, Susis Vater, Susis Onkel, die Nachbarin Frau Lehmann, ihr Lebensabschnittsgefährde Der Rolf, Susi, ich, Ben. Susis Mutti, weil sie Susi geboren hat. Susis Vater, weil der dazu gehört. Susis Onkel für die Sicherheit. Die Nachbarin Frau Lehmann, weil sie nebenan wohnt. Ihr Lebensabschnittsgefährde Der Rolf, weil er zu Frau Lehmann gehört. Susi, weil sie das Geburtstagskind ist. Ich, weil ich Susis beste Freundin bin. Ben, weil es praktisch ist.

Ben. Er hat feuerrotes Haar und wenn es ihm zu Berge steht, sieht er aus wie eine kleine Flamme. Ben ist der Einzige, den ich kenne, mit grünen Augen. Er hat rotes Haar und grüne Augen und eine sehr helle Haut mit vielen Sommersprossen. Die meisten sitzen auf seiner Nase und die Nase läuft immer. Vielleicht besteht ja hier ein Zusammenhang. Susi und ich haben keine Sommersprossen und uns läuft nicht derartig häufig die Nase. Einmal, nachdem die Anderen aus seiner Klasse ihn wie so oft wegen seiner Sommersprossen geärgert hatten, da holte er sich ganz viele Papierhandtücher aus der Lehrertoilette, er hat den ganzen Papierhandtuchspender leergemacht und als Nächstes hat er das raue Papier benutzt, um sich die Sommersprossen von der Nase zu rubbeln. Er hat gerubbelt und gerubbelt, doch es hat rein gar nichts auf seiner Nase verändert. Ich wollte ihm helfen und schlug vor, Wasser und Seife zu nehmen, wir haben die Papierhandtücher in das Waschbecken gelegt, den Wasserhahn aufgedreht und unablässig auf die Seifenspender gedrückt, damit es ja ordentlich wirkt. Dadurch wurden die Papierhandtücher aber sehr matschig und kaum noch zu bedienen. Ben hat sein Gesicht ins Waschbecken gehalten, direkt in die nasse seifige Papiermatsche hat er es gehalten, draufgelegt wie auf ein Kissen und drin rum gerubbelt. Am Ende hatte er das Gesicht voller Seife und vieler kleiner nasser grauer Papierhandtuchfetzenresten. Ich hatte helfen gewollt, aber es war bloß noch schlimmer geworden. Ein Junge kam herein und starrte Ben an. Ich rannte aus dem Klo, weil es das Jungsklo war, und im Rausrennen hörte ich den Jungen lachen. Ich traute mich eine ganze Weile nicht zurück und als ich mich traute und das Jungsklo erneut betrat, da hörte ich Ben weinen. Er war nicht mehr im Vorraum, er musste sich in einer der Kabinen eingesperrt haben. Ich hörte ihn weinen und auf einmal war mir zu Mute, als sei auch mein Hals voll mit nassen, schweren Papierhandtüchern, vollgestopft bis oben hin, sodass ich kaum noch Luft bekam. Ich schluckte und der Klumpen sackte weiter runter in die Brust, quoll auf und wollte nicht mehr verschwinden. Ich spürte mein Herz pochen, es musste sich irgendwo in der grauen Masse verfangen haben. Ich hörte Ben noch weinen, als ich das Jungsklo wieder verließ. Heute weint er nicht, aber glücklich sieht er ebenfalls nicht aus. Andererseits auch nicht so unglücklich wie Susi. Die stochert lustlos in ihrem Stück vom riesigen, runden Kuchen herum. Ben scheint es zu schmecken. Er isst den Kuchen mit der Hand, hat ihn fest umgriffen wie einen Apfel und beißt zügig beachtliche Stücken ab. Ben hat sehr viele, sehr kleine Zähne, dazu vorn zwei sehr große Hasenzähne. Sie sind so groß, dass sie sogar rausschauen, wenn er den Mund geschlossen hat. Ich finde, das sieht sehr niedlich aus. Ben erinnert mich an die Mäuse aus meinen Büchern. Sie haben Kulleraugen und interessieren sich für Käse. Ich möchte Ben ein Stück Käse geben, doch jetzt isst er ja Kuchen, das passt nicht zu Mäusen und nicht zu Hasen. Vielleicht könnte ich Ben zu meinem Geburtstag einladen und dann sollte es Käsewürfel geben. Susi wäre sicherlich nicht allzu begeistert, aber ich könnte ja sagen, Ben sei da, weil es praktisch ist. Ich könnte es auf meine Mutti schieben. Sie habe Ben eingeladen. Susi würde das glauben. Und es wäre gar nicht richtig geschwindelt, denn meine Mutti mag Ben. Er ist ein lieber, kleiner Kerl, hat sie gesagt. Die Kinder ärgern ihn allein wegen seiner Andersartigkeit, hat Mutti erklärt. Ich nehme an, sie meint seine Haare. Keiner hat hier rote Haare. Und vielleicht die Sommersprossen, obwohl er nicht der Einzige mit denen ist. Aber er ist der Einzige mit roten Haaren, grünen Augen und Sommersprossen. Eventuell ist es die Mischung, die den Anderen Sorge bereitet. Oder sie haben Angst vor Bens Eltern. Denn die sieht man so gut wie nie. Und das Unbekannte macht den Menschen Angst, hat Mutti erklärt. Nach dem Kuchenessen verkrümeln wir uns in Susis Zimmer und spielen Barbie. Ben schaut eine Weile zu, dann fängt er an, Lego zu spielen. Susi spielt nie Lego, deswegen gibt es viel zu tun. Ben baut Burgen und Bunker und Berge und Bäume und alles aus Lego. Er ist sehr präzise, kein Legostein steckt am falschen Platz, alles sieht exakt aus, wie es aussehen müsste, wenn die Welt wirklich aus Lego bestehen würde. Es gefällt mir. Ben baut eine kleine Welt, in der wir vielleicht sogar leben könnten, wenn wir aus Lego wären. Ich würde in der Burg leben und Ben käme über die Berge zwischen den Bäumen entlang zu mir und wenn es eine Gefahr gäbe, würden wir uns im Bunker verschanzen und da wohnen. Es wäre egal, dass Ben zwei Jahre jünger ist als Susi und ich. Mit Lego bekäme er einfach einen Stein dazu und damit wäre er keinen Kopf kleiner mehr, sondern wir wären alle genau gleich groß. Aber vielleicht wöllte ich Susi gar nicht dabeihaben. Sie könnte ja in einer anderen Burg leben oder in ihrem Barbiehaus, das sie sowieso viel lieber mag. Dort könnte sie ihre dünnen Beine ausstrecken und den lieben langen Tag hübsch sein, ohne uns damit zu nerven. Lego gibt es nicht in pink, sie käme also sicherlich nicht allzu oft bei uns vorbei. Das wäre nicht schlimm, wir hätten ja einander, Ben und ich, und alles wäre gut.

Als wir keine Lust mehr auf Barbies und Bauen haben, haben wir Lust auf Eis. Susi begibt sich ins Wohnzimmer, um zu fragen, ob wir welches bekommen. Ich höre die Erwachsenen lachen. Susi ruft laut darüber hinweg, Malina, kommal, und ich komme. Im Wohnzimmer riecht es merkwürdig süßlich. Die Erwachsenen trinken aus sehr kleinen Gläsern und sind fröhlich. Susis Mutti hat rote Wangen und redet total laut. Sie streicht Susis Onkel über die Schulter und über die mächtigen Muskeln auf seinem Oberarm, er dreht sich zu ihr, ich sehe seine perlweißen Zähne aufblitzen. Frau Lehmann gibt eine Geschichte zum Besten, ein Anekdötchen, wie sie es immer nennt und Der Rolf gießt sein kleines Glas voll bis an den Rand. Bis über den Rand. Alle lachen. Nur Susis Vater nicht. Susi spricht ihn an.

Papa, wir wollen Eis! Frag Mama. Hab ich schon, Mama reagiert nicht.

Susis Vater wird noch starrer und schaut Susis Mutti mit einem sehr ernsten Blick an. Ich frage mich, ob er überhaupt noch atmet, er bewegt sich nullkommagarnicht.

Liebling, sagt er nun sehr laut mitten in Frau Lehmanns Anekdötchen rein, die Kinder wollen Eis.

Susis Mutti reagiert, aber nicht prompt, sondern mit einer kleinen Verzögerung, wie wenn man zum Essen gerufen wird und man kommt, aber malt noch schnell das Bild fertig und dann gibt es Stress. Jetzt gibt es Stress. Susis Vater ballt die Hand zur Faust und lässt sie auf den Tisch knallen. Knall! Der Rolfs kleines Glas macht einen Hüpfer und läuft noch weiter über. Auch die anderen kleinen Gläser auf dem Tisch springen, auch die Tassen vom Kaffeetrinken, auch unsere bunten Kinderteller mit den Tigern drauf, sogar der riesige Kuchenteller, weil der riesige, runde Kuchen gar nicht mehr riesig und rund ist. Nur noch ein letztes, schmales und an den Rändern zerkrümeltes Stück ist übriggeblieben, das nicht schwer genug ist, den Teller auf dem Tisch zu halten. Alles springt und landet flugs mit einem Klirren. Sofort wird es still. Die Faust von Susis Vater hat keinen Hüpfer gemacht, sie ist auf die Tischoberfläche geprallt und da ist sie jetzt noch immer, ganz fest auf dem Holz und ich bilde mir ein, die Hand starrt irgendwie Susis Mutti an, aber das geht ja niemals nicht, die Hand hat keine Augen. Susis Vater hat natürlich Augen, die sitzen weiter oben und sie starren ganz eindeutig Susis Mutti an. Als wären seine Augen Fäuste. Es ist, als wären seine Augen Fäuste und oder als hätte seine Faust ein Auge und alles ist auf Susis Mutti gerichtet. Die springt mit dieser kleinen Verzögerung, als hätte sie noch schnell fertig gemalt, endlich auf und macht uns ein Eis zurecht.

Nachdem wir das Eis aufgegessen haben, ist uns übel. Susis Mutti hat sehr viele Smarties drauf gestreut, vielleicht war sie ein bisschen durcheinander wegen dieser Sache mit der Faust. Die Erwachsenen lachen jetzt nicht mehr so viel wie vorher, sie reden bloß noch leise, wir hören sie kaum. Träge sitzen wir auf Susis altem Spielteppich und irgendwann ist es Zeit, nach Hause zu gehen. Ich bin froh, dass ich nicht alleine gehen muss, ich mag es nicht, alleine zu gehen. Alle bleiben da und man selbst geht fort, dann schwant einem, keiner würde einen wollen und es wäre danach ohne einen viel lustiger. Ich mag sowieso den Gedanken nicht, dass es ohne mich weitergeht. Manchmal denke ich, da hätte ich ja gar nicht erst kommen brauchen, wenn es genauso gut ohne mich geht. Aber heute gehe ich mit Ben gemeinsam und das verändert alles. Wir geben Susi unter den Augen ihrer Mutti und ihres Vaters im langen Flur zum Abschied die Hand und bedanken uns artig für die Einladung. Susi macht eine gönnerhafte Handbewegung, die sie sich irgendwo abgeschaut haben muss, denn sie wirkt sehr erwachsen. Ach, da nicht für, ihr Lieben! Ciao ciao! Kommt gut heim! Ich fühle mich plötzlich sehr klein.

Als ich anschließend ins Treppenhaus trete, steht da Ben. Er hat die Hand bereits auf dem Geländer, doch wartet auf mich, sein Körper ist mir zugewandt und ich fühle mich nicht mehr klein. Wir lächeln uns zu und laufen los, die drei Stockwerke nach unten, über den kleinen Gehweg, an den Garagen entlang und schließlich kommen wir am Kletterpilz vorbei. Die Sonne scheint, aber Ben fragt mich, ob wir uns noch kurz reinsetzen wollen. Die Sonne scheint, aber ich sage ja. Ich nehme seine warme Hand und auch meine Hand wird warm. Uns an den Händen haltend quetschen wir uns in das Klettergerüst, in die kleine Behausung aus Stahl. Wir hocken uns auf den Boden, ganz dicht aneinander. Mich befällt eine unglaubliche Behaglichkeit, mir ist, als hätte ich ein Kätzchen geschenkt bekommen oder wie als meine Mutti nach einer Woche aus dem Krankenhaus heimkehrte. Irgendwo zwischen Bauchnabel und Brust kribbelt es, da muss doch jemand Brausepulver in mich reingeschüttet haben, aber es ist überhaupt gar nicht unangenehm. Ich stelle mir vor, wie ich nach Zitrone schmecke oder Kirsche, ich bin ein großes Glas mit Brause und wenn Ben möchte, kann er es trinken. Wir drehen unsere Gesichter zueinander und als würde er es ebenso spüren, gibt er mir einen Kuss. Oder jedenfalls glaube ich das. Ich habe Küsse gesehen, im Fernsehen, im Park, sogar vor der Kaufhalle. Manche der Küsse im Fernsehen waren anders, die Münder von Mann und Frau sind zu einem geworden, gar nicht mehr unterscheidbar, wem welcher Mund gehört, nur ab und zu dazwischen eine Zunge oder zwei oder einmal zwei Zungen, wirklich weit draußen wie bei einem Hund im Sommer, aber so war es bei Ben und mir nicht! Es war wie vor der Kaufhalle oder wie Susis Vater Susis Mutti küsst, wenn er auf die Arbeit geht, die Lippen spitz, die Münder zu, ein kurzes mfuah. Mfuah. Mfuah. Küss küss. Oder vielleicht auch mfuah mfuah mfuah. Küss küss küss. Jedenfalls mehrmals. Bens Lippen fühlen sich spröde an und irgendwie gerillt, dennoch nehme ich Wärme in ihnen wahr, es ist nicht wie wenn man sein Kuscheltier küsst oder das Baby Born. Das Baby Born ist kalt und hart, es lässt sich von dir küssen, doch es gibt nichts zurück. Du bleibst allein mit deiner Liebe. Du wünschst dir, das Baby Born würde lebendig, es würde wie aus dem Nichts seine Arme bewegen, mit den Beinchen strampeln, es wäre unvermittelt weich und warm und wundersam wäre das und du würdest dich um es kümmern, heimlich, in deinem Zimmer würde es wohnen, im Puppenbettchen, aber es wäre eben keine Puppe mehr, sondern ein wirkliches, echtes, leibhaftiges Kind, ein Lebewesen und du würdest es am Leben erhalten, es füttern, es wickeln, es wiegen. Und keiner würde es mitbekommen. Du würdest es lieben und irgendwann wäre es groß und dann würdest du allen zeigen, dass du ein Kind großgezogen hast und alle wären so so stolz! Aber mein Baby Born braucht das alles nicht. Ich füttere es, ich wickle es, ich wiege es. Ich gebe ihm obendrein die Flasche, ich ziehe es aus, ich ziehe es an, ich fahre es rum, ich singe ihm vor, ich küsse es zur Nacht. Aber es bleibt kalt und hart an seinem klitzekleinen Mund, den ich nicht küssen kann, ohne die Nase mitzuküssen. Bei Ben hingegen küsse ich allein den Mund, sein Mund ist wie mein Mund, zart und roh trotz der Rillen und der Trockenheit, irgendetwas ist dahinter, darin, darunter, das Blut, das Leben. Es ist anders als alles andere an Ben, anders sogar als seine Hand zu halten, die Hand bleibt verborgen unter einer dicken Schicht Haut, unter zwei Handschuhen aus Haut und darunter wäre vielleicht die richtige Hand, die eigentliche Hand, das Leben, natürlich kann Ben die Handschuhe nicht abstreifen, keiner von uns kann das. Aber die Lippen sind anders, da ist keine richtige Haut darüber, nur etwas ganz, ganz Dünnes und dahinter, darin, darunter fühle ich Ben.

In den nächsten Wochen immer wieder. Wir treffen uns heimlich ohne Susi unter dem Kletterpilz bei Sonnenschein. Wir halten unsere Hände, wir tauschen Küsse aus wie sonst die belegten Brote in der Frühstückspause, was hast du dabei, ich habe Käse, ich Schinken, immer her damit. Wir reden kaum, Ben ist zwei Jahre jünger, was soll ich mit ihm reden. An einem frühen Abend, der Himmel färbt sich rosa und ich muss nach Hause, fängt er trotzdem ein Gespräch an, er will mir irgendwas erzählen, er stottert rum und seine Sätze finden kein Ende, manchmal haben sie nicht einmal einen Anfang. Er spuckt Wörter aus, doch ich habe beim besten Willen keine Ahnung, worum es in seiner Geschichte geht, die Wörter vertragen sich nicht. Ich habe keine Zeit mehr, ich muss nach Hause, ich kriege Ärger, ich dränge ihn, schneller zu reden, zusammenhängender, sinnvoller, aber er redet bloß lauter, verhaspelt sich noch mehr, es ist zwecklos. Ich muss los.

Der nächste Tag in der Schule ist nicht schön. Nicht für Ben, und nicht für mich. Das Wetter ist mies, es regnet schon seit Stunden, der Regen fällt nicht fromm in filigranen Fäden von oben nach unten wie im Märchenbuch, sondern wird von einer Seite zur anderen gepeitscht, die Schulfenster knarzen und knirschen unter dem Wind, der Lack bröckelt. Keiner will am Fenster sitzen. Die Hofpause fällt aus. Ich bin auf der Toilette und lasse mir Zeit, denn im Klassenzimmer ist es kalt und auf der Toilette ist es warm. Ich wärme mich ein bisschen auf, sitze auf der Klobrille und lasse die Gedanken schweifen. Ich falte hübsche Muster ins Klopapier, das für sich gar nicht hübsch ist, es ist grau und kratzig. Und oftmals aus. In dem Falle benutze ich einfach keins. Nicht schlimm. Heute ist genug da, aber irgendwann wird das Falten langweilig. Mir ist nun eh warm genug und ich verlasse die Kabine. Im Vorraum probiere ich alle Wasserhähne aus, ich kann mir immer nicht merken, welcher funktioniert. Zwei Mädchen kommen herein und sie kichern. Ich kenne ihre Namen nicht, sie sind eine Klasse über uns, mich packt die Angst, sie könnten über mich lachen. Hektisch schaue ich an mir runter, es sieht eigentlich alles in Ordnung aus, mein Mund wird trocken, die Hände zittrig. Was ist los was ist los. Daraufhin öffnet sich die Tür nochmal, es ist Susi, sie kichert ebenfalls. Sofort bin ich erleichtert und werde ruhig, denn Susi kann nicht über mich kichern, sie betritt ja gerade erst das Klo. Außerdem hätte sie keinen Grund, über mich zu kichern, sie ist meine beste Freundin. Ich habe wieder Spucke im Mund, alles gut alles gut. Eine Sache irritiert mich trotzdem. Susi kichert zwar beim Reinkommen, doch als sie sieht, dass das Mädchen am funktionierenden Wasserhahn ich bin, da hört sie urplötzlich auf mit dem Gegluckse. Sie bewegt sich auch nicht weiter, sie steht da einfach an der Tür herum, muss sie etwa nicht mehr aufs Klo, hat sie nur geschaut, ob alles beim Rechten ist, wie es die Lehrer tun. Aber Susi ist kein Lehrer, was soll das was soll das.

Ist irgendwas, frage ich sie, aufs Neue zu wenig Spucke, die Wörter kratzen im Mund.

Susi wirkt kurzzeitig so, als wolle sie etwas sagen, etwas Wichtiges, etwas, das gesagt werden muss. Ich sehe eine Falte auf ihrer Stirn. Ich wappne mich, was ist los was ist los. Doch mit einem Mal ist die Falte verschwunden. Susis ganzes Gesicht wird total glatt, sie gleicht meinem Baby Born, glatt und hart und kalt.

Nee, nichts is los, antwortet sie, muss bloß auf Klo, und marschiert schnurstracks in eine Kabine. Dort ist sie dann, in der Kabine drin, hinter der Tür, abgeschlossen, mir entzogen, unansprechbar. Ich wasche mir endlich die Hände und laufe zum Klassenzimmer zurück.

Schon von weitem höre ich es. Es ist viel lauter als das Gekicher der Mädchen. Gejohle. Es sind die Jungen. Mein Herz pocht gegen die Brust, es beeilt sich mit den Schlägen. Ich beeile mich nicht mit den Schritten, erwäge umzukehren, in dem Moment stehe ich allerdings bereits im Türrahmen. Ich stehe im Türrahmen und der ganze Raum erstreckt sich vor mir, die Tische, die Stühle, die Tafel. Vor der Tafel steht Ben. Ben, mit dem Rücken zu mir. Ben, mit dem Po zu mir. Ich sehe Bens Po, aber anders als sonst, nicht in seiner blauen Cordhose oder in seiner grünen Cordhose oder in seiner leuchtend roten Sporthose, noch nicht einmal in seiner Badehose mit den Surfern drauf. Ich sehe Bens Po wie er ist, hinter einer dicken Schicht Haut, doch ich verstehe sofort, dass diese Hautschicht ihn nicht schützt, nicht hier, nicht jetzt, hier reicht die Haut nicht, um sich bedeckt und geschützt und verborgen zu fühlen, Ben ist entblößt, nackt in einem Klassenzimmer voller Jungen, es sollte so nicht sein. Die Anderen haben ihm die Hose heruntergezogen, die grüne Cordhose ist noch zu sehen, aber viel zu weit unten, sie hängt in seinen Kniekehlen zusammen mit der Unterhose. Irgendeiner von den Jungen muss ihm die Hose mitsamt der Unterhose heruntergezogen haben, ich weiß nicht wer, denn sie stehen alle da. Alle Jungs aus seiner Klasse, alle Jungs aus seiner Klasse stehen da und Ben steht vor der Tafel, mit dem Gesicht zur Tafel, mit dem nackten Po mitten in den Raum hinein, alle können ihn sehen, alle sehen ihn, und sie lachen. Sie kichern nicht wie die Mädchen im Bad, sie lachen, sie johlen, sie schreien. Mein Herz hat gar keinen Platz mehr, es springt mir aus der Brust, es will mir aus der Brust springen, aber die Rippen sind im Weg, eine Mauer aus Knochen, das kleine Herz schlägt dagegen, es kann nicht weiter, zerschellt, zerspringt, explodiert, es gibt einen lauten Knall, meine Ohren werden taub, alles rauscht, aber ich höre nichts, ich höre gar nichts mehr, kein Johlen, kein Kichern, meine Füße tragen mich davon, tragen mich zum Ende des Ganges, hier ist alles friedlich, hier ist alles ruhig, aber das ändert nichts.

An diesem Nachmittag gehe ich nicht zum Kletterpilz. Es regnet. Am nächsten Tag scheint die Sonne. Ich gehe trotzdem nicht und den Tag danach auch nicht. Den Montag darauf erscheint Ben nicht mehr in der Schule. Sie sind umgezogen, wegen der Arbeit, sie sind weggezogen, seine Eltern und er.

3 Der Mathelehrer

Er schmeckt wie die Schokolade aus dem Adventskalender – ein bisschen alt, aber trotzdem oder gerade deshalb besonders gut. Lecker lecker, unvergesslich, und drei Türchen bis Heiligabend. Das Klassenzimmertürchen ist noch zu. Wir reiben uns an der Tafel oder ich mache es oder er reibt sich an mir und dann kommt es so. Ich habe heute Tafeldienst, mein Po wischt die Tafel, wischwisch, keiner hat ihn nass gemacht, wer hat die Tafel schon wieder trocken abgewischt, ihr sollt sie feucht wischen, sonst bleiben Schlieren, wie oft soll ich euch das noch sagen, feucht muss es sein, feucht muss ich sein, wie wird man feucht. Sein Hosenschlitz ist hart und prall, was trägt er denn für dicke Jeans, so steif und prall, sein Hosenstall, die Ausbuchtung macht es mir oft unmöglich, zu rechnen, jetzt rechne ich mit allem, auch mit dem Unmöglichen. Unmöglich, wie Susi diese Aufgabe so schnell lösen konnte, mein Po schrubbt über ihren Kreideschrieb und den von der doofen Doreen, es bleiben nur Schlieren von Susi und Doreen und keiner weiß mehr, was richtig und was falsch ist. Nur ich bin jetzt hier relevant, nur mir gilt seine Aufmerksamkeit, ihr könnt eure Hände wieder runternehmen.

Ich träume von meinem Mathelehrer, jede verdammte Nacht. Er zieht mich aus, er zieht mich an, er zieht mich in seinen Bann und dann sitze ich am nächsten Morgen in der ersten Bank am Fenster und schäme mich. Träume sind nicht echt, die Folgen aber schon. Ich sterbe beim Gedanken, die Anderen könnten mir am Hinterkopf ablesen, wer mich des Nachts heimgesucht hat. Und was da so abging. Die gesamte Klasse sitzt mir im Nacken. Susi steht an der Tafel und rechnet vor, bedacht und bestimmt führt sie die Kreide, nie quietscht es bei ihr. Danach kommt er und seine Kreide gleitet nicht, er zerrt sie unerbittlich über das Dunkelgrün und ich bekomme eine Gänsehaut. Dann wird es abermals dunkel und ich träume, träume von meinem Mathelehrer, jede gesegnete Nacht. Wenn ich aufwache, möchte ich es mir selbst machen, ich weiß, dass das geht, aber ich weiß nicht, wie das geht. Es will mir nicht gelingen. Vorsichtig schiebe ich einen Zeigefinger in mich hinein, nur die Kuppe, ich habe Angst, etwas kaputt zu machen, es ist so eng, das kann doch nicht stimmen. Doch noch ein wenig weiter, innen fühle ich mich geriffelt an, das ist unerwartet, noch einen Ticken tiefer, nein, überhaupt gar nicht gut, es krampft. Verstört ziehe ich den Finger raus und bin enttäuscht. Ich fühle mich von meinem eigenen Körper verraten. Voll fies. Die Enttäuschung erniedrigt mich dann endlos ewig, schmäht und schwächt mich bis zur Entkräftung, der ich endlich entschlafe. Woraufhin ich mit etwas Glück gleich nochmal vom Mathelehrer träume. Manchmal steht er mit nacktem Hintern vor der Tafel, manchmal verwandelt er sich, trägt eine Maske oder tauscht seinen Kopf mit einem fremden Mann, ich nenne ihn Papa und er überreicht mir ein Geschenk mit einer knallroten Schleife drumherum, die ich nicht gelöst bekomme. Umso mehr ich versuche, sie zu lockern, desto straffer sitzt sie. Ist das eine Strafe für irgendwas, meine Schwatzhaftigkeit, die Pickel, dass ich so schlecht in Mathe bin. Du bist nicht schlecht in Mathe, sagt Susi, eine drei ist befriedigend. Dass ich so befriedigend in Mathe bin. Selbst eine vier reicht aus, sagt Susi, eine sechs wäre schlecht, eine fünf auch, ungenügend, mangelhaft, du bist mindestens ausreichend, sagt Susi und zeigt ihren sexy Eckzahn. Susi sagt so viel, aber jetzt ist sie nicht mehr als eine Schliere an der Tafel, nichtssagend wie die doofe Doreen, null Bock auf Wirklichkeit, dieser Traum gehört mir, er gehört zu mir wie mein Name an den zwei Türchen bis Heiligabend, ich bin abartig aufgeregt, da öffnet sich das Klassenzimmertürchen und die Tafel becomes the blackboard, und der Mathelehrer wird zur Englischlehrerin und sie hat keinen harten Hosenschlitz aber einen Schlitz hat sie bestimmt und ich wache auf und schäme mich.

4 Matze

Wer heißt denn heutzutage noch Matthias, wiehert Susi und versprüht dabei eine beachtliche Ladung Sprite über den Teppich meines Jugendzimmers. Das begehrte Zuckerwasser sickert ein in die weihnachtsroten Fasern meiner Kindheit, das hässliche Muster aus dem Orient hat den Sprung mit mir in die Pubertät nicht geschafft, ich lehne es ab, doch die maßvolle Mutter hat mir einen neuen Teppich verwehrt, Möbel ja, Teppich nein, Thema beendet. So sitzen Susi und ich an diesem trüben Freitagnachmittag auf rührseligen Ranken und anderen floralen Peinlichkeiten und quatschen und trinken aus eins Komma fünf Liter Plasteflaschen Fanta und Sprite, wobei letztere nun also als Nieselregen die gewobenen Ornamente meines verhassten Bodenbelags benetzt hat. Das wird klebrig und irgendwann wird es auch stinken. Ich ignoriere es, denn irgendwann ist ja nicht jetzt.

Matze, korrigiere ich Susi stattdessen. Er nennt sich ja Matze.

Nee nee nee, er ist trotzdem ein Matthias, setzt sie nach. Weißt du, wer ebenfalls Matthias heißt? Der beste Freund meines Erzeugers! Hahahahahahaha!

Seit einer Weile nennt Susi ihren Vater nur noch Erzeuger und ihre Mutti nennt sie Ulrike. Das sei den Umständen angemessen. Ich halte es für überzogen, aber es ist mir am Ende auch egal. Unegal ist lediglich, dass Susi eine Woche in den Sommerferien und eine Woche in den Winterferien nicht da ist, weil sie in der Zeit bei ihrem Vater wohnt. Diese Woche steht uns kurz bevor und nun tauschen wir uns vorbeugend über alles Nötige aus. Und über alles Unnötige. Überhaupt, über alles eben. Das Informationsvakuum, das mit Susis Abreise unausweichlich über uns hereinbrechen wird, lässt sich auf diese Weise wenigstens ein stückweit reduzieren. Susi hat zwar im Gewinnspiel der Bravo allen Ernstes so einen Pager gewonnen, allerdings haben wir keinen blassen Schimmer von der Funktionsweise des kleinen, orangenen Mistkerls. Zwar können wir gelegentlich Nachrichten darauf lesen und sind darüber immer sehr euphorisch, quetschen uns zusammen auf Susis Bettsofa und stieren auf das Display, blauetintenfarbene Buchstaben auf grünem Grund, gerade und rechteckig wie von meiner Mutti auf der Schreibmaschine getippt, aber die Botschaften bleiben für uns kryptisch. Hat da tatsächlich jemand an Susi geschrieben? Wie sollte das möglich sein, sie hat ja keine Nummer oder so?

Wir sind keine Volldeppen. Das mit der E-Mail haben wir geschnallt, meinen wir. Susis Mutti hat einen Computer und sogar das Internet. An verlängerten Wochenenden darf ich bei Susi übernachten und eines Nachts haben wir uns ins Arbeitszimmer von Susis Mutti geschlichen und versucht, uns in dieses Internet reinzumanövrieren. Das Modem hat einen Heidenlärm veranstaltet und wir sind panisch geworden und haben schnell den Stecker gezogen, damit das Gerassel und Gepiepe aufhört und Susis Mutti nicht noch wach wird. Das war ein Misserfolg, aber einer, aus dem wir lernten. Den nächsten Versuch starteten wir an einem Nachmittag und fanden uns dabei verdammt clever, denn von Susis Mutti war weit und breit keine Spur und wir ganz und gar bereit für die irren Verheißungen des Internetz. Internets. Was hatten wir für Geschichten gehört! Die ganze Welt nur einen Mausklick entfernt! Und süße Jungs zum Chatten! Das Modem machte wieder einen Heidenlärm und wir waren dem Aufgeben nah. Es sollte doch nicht derartig lange dauern, um eine simple Verbindung herzustellen. Ich malte mir aus, wie am anderen Ende meine Oma saß und endlos lange vom Sofa bis zum Telefon brauchte, um abzuheben. Ja, hallo, Malinchen, ja, bei mir musst du es immer lange klingeln lassen, bei alten Leuten ist das so, ja ja, ach ach, schallte es dann stets von diesem anderen Ende. Am Ende bediente meine Oma tatsächlich heimlich das Internet und jeder, der sich einwählen wollte, musste erstmal warten, bis sie vom Sofa runterkam. Das würde einerseits erklären, warum sie so viel Geld hatte und andererseits, warum sie immer so gestresst rüberkam. Natürlich glaubte ich das nicht wirklich, ich fand die Vorstellung nur endlos lustig und Susi auch und wir lachten uns schlapp und Susi schlug mit der flachen Hand auf den Rand des eierschalenfarbenen Monitors, klopfte an die Scheibe bis aus heiterem Himmel das Internet einfach da war, irgendwas mit AOL, ein paar Nachrichten, ein Foto von Jennifer Aniston. Wir waren schrecklich aufgeregt, unsere Herzen klopften bis zum Schlüsselbein, nein, bis zum Hals, bis zu den Augen, traten zu den Ohren aus, es rauschte, es brauste, ich bekam kaum Luft vor Begeisterung. Leider wussten wir im Anschluss nicht, wie es weitergehen könnte und studierten deswegen vorerst nur alle Schlagzeilen, die kurzen Texte und beäugelten das Foto von Jennifer Aniston. Das war unsere erste Erkundung, bei der es nicht blieb. Weitere Ausflüge folgten und irgendwann waren wir in der Lage, eine E-Mail an unsere Klassenkameradin Lydia zu schreiben. Jedenfalls bestätigte sie in der Schule den Erhalt. Sie schrieb zwar nicht zurück, das bekam sie irgendwie nicht auf die Reihe, aber sie konnte uns den Inhalt der E-Mail aufsagen, oder vielmehr ablesen, denn sie hatte ihn auf einen kleinen Zettel abgeschrieben. Somit war es sicher, die Mail war angekommen. In echt. Der Hammer.

Mit dem Pager ist es nun also anders, Susi hat ja keine Pager-Adresse oder so. Aber wir finden es trotzdem cool. Vielleicht schreiben sich sogar irgendwelche Leute aus der Nachbarschaft und wir können es heimlich lesen. Vielleicht läuft da irgendetwas schief, das kann wohl kaum gewollt sein, dass jeder liest, was man sich schreibt! Susi und ich fühlen uns wie Voyeure, die knutschende Paare im Park beobachten. Voyeure können nichts für ihre Neigung, hat mir meine Mutti erklärt. Susi und ich können auch nichts für unsere Neigung, wir müssen das Zeug einfach lesen, wenn der Pager piepst, es ist eine Sucht. Wir schaden ja niemandem damit. Bloß haben wir immer noch keinen Schimmer, ob und wie Susi darüber real in Kontakt mit anderen treten kann. Und selbst wenn, ich habe ja eh keinen Pager und somit liegt vor uns eine lange, düstere Woche ohne die Möglichkeit zum Austausch von Neuigkeiten. Heute habe ich jedoch noch eine abzuliefern und Susis erste Reaktion behagt mir ganz und gar nicht.

Dass irgendein Freund deines Vaters so heißt, hat gar nichts zu sagen, stelle ich klar.

Erzeugers, stellt Susi klar. Erzeugers, korrigiere ich brav. Und der beste Freund, schiebt sie noch hinterher. Jetzt reichts mir aber, ich werd lauter. Ist doch völlig egal, nennt der sich Matze? Nee. Siehste. Weil dieser Matthias schätzungsweise hundertdrei Jahre alt ist und bald auseinanderfällt, aber ich erzähle dir hier und jetzt vom süßesten Boy aller Zeiten.

Susi rollt mit den Augen und fordert mich dennoch mit einiger Neugierde in der Stimme auf, von Matze zu erzählen. Und von Matze gibt es viel zu erzählen.

Matze ist zwei Jahre älter als ich und geht in die elfte Klasse. Er ist im Physik LK und fährt jeden Morgen mit dem Moped in die Schule. Sein Moped ist grün und steht neben all unseren Fahrrädern wie ein Halbgott neben dem Pöbel. Matze ist auf jeden Fall mindestens eins achtzig groß, superschlank und hat eine Igelfrisur. Seine Haare sind mittelblond oder so und ganz oben an den Spitzen hat er sie hellblond gefärbt. Seine Augenfarbe konnte ich noch nicht richtig erkennen, aber er hat total strahlende, funkelnde Augen und kneift sie zusammen, wenn er lacht. Matze lacht ständig, er schmunzelt und zieht den Mund schief, sodass sich Grübchen abzeichnen und seine Zähne zwischen den Lippen hindurchblitzen, aber nur ganz leicht. Die Zähne sind weißer als das Waschbecken meiner Oma und sie leuchten noch intensiver und das, obwohl man vom Waschbecken meiner Oma förmlich geblendet wird, wenn man ihr Bad betritt. Man wird blind davon, ich habe keinen Plan, wie oft meine Oma ihr Bad putzt, vermutlich drei Mal am Tag oder so. Nimm Backpulver für alles, nicht zu vergessen die Zähne, dann werden sie weiß, hat sie mir irgendwann mal gesagt. Matze muss im Backpulver gebadet haben. Er hat immer Augenringe, aber das lässt ihn tiefgründig aussehen, als hätte er schon viel erlebt. Matze trägt schwarze, superenge Hosen und hat darin einen kleinen, superfesten Arsch, der in die Hosen reingegossen zu sein scheint. Wenn ich mir den Arsch ohne Hose vorstelle, kribbelt es in meinen Fingerspitzen und zwischen meinen Beinen. Vielleicht ist Matze mit diesen Hosen geboren worden, vielleicht sitzen sie deswegen derartig bombastisch, vielleicht wachsen sie einfach immer mit ihm mit. Dazu hat Matze dunkle Shirts an und darüber eine Lederjacke. Er trägt Springerstiefel, aber er ist natürlich kein Nazi. Matze spielt Schlagzeug und Fußball und in der großen Pause steht er mit seinen Kumpels in der Raucherecke und macht lässige Sprüche und lacht und schnippt den Zigarettenstummel weg, was eigentlich nicht erlaubt ist. Er steht immer etwas gekrümmt, vielleicht weil er so groß ist. Oft lehnt er sich an eine Mauer oder Hauswand, stellt ein Knie an und stützt sich mit dem Fuß an der Hauswand ab. Er fährt sich mit der Hand über die Igelfrisur und durchkämmt sie. Matze wohnt im Nachbarort und hat einen Hund und zwei Schwestern. Matze verteilt Aufkleber von Bands und pappt sie an Laternen oder die Fahrradständer in der Schule. Matze trägt an jedem Finger einen Ring, außer an den Daumen. Matze war in Amerika. Matze hat eine tiefe, total angenehme Stimme. Matze klatscht mit dem Sportlehrer ab. Matze hält den Schulrekord im Hochsprung. Matze sitzt in jeder Stunde auf einem anderen Platz. Matze trägt selbst im Winter keine Mütze. Matze hat total lange Finger. Matze hat einen riesigen Schulrucksack. Matze hat Aufnäher auf seinem Schulrucksack. Matze fährt Snowboard. Matze fährt Skateboard. Matze hat einen Computer. Matze war in Japan. Matze zitiert aus den Simpsons. Matze dreht seine Zigaretten selbst. Matze macht riesengroße Schritte. Matze ist Jahrgangssprecher. Matzes Mutter ist die Bürgermeisterin in seinem Ort. Matze spielt in der Schulband und jeder, absolut jeder an unserer Schule, bewundert Matze.

Und dieser Matze, jetzt kommt’s, hat mir einen Zettel zugesteckt. Vor zwei Tagen. Mir wird jetzt noch schlecht, wenn ich daran denke. Ich bin unter irgendeinem Vorwand an der Raucherecke vorbeigelatscht, um vielleicht verstohlen einen Blick auf seine Grübchen erhaschen zu können. Ich schaue so zur Seite, ganz unauffällig, superdezent, da lacht er mich an, so richtig strahlend und direkt mich und mich trifft der Blitz und tausend Stromschläge fahren durch mich durch und ich befürchte, jetzt total rauchend und verkokelt da vor Matze zu stehen, aber es passiert nichts, doch kein echter Blitz, hat sich eben bloß so angefühlt. Ich stehe also da und glotze und das ist ja mindestens genauso peinlich wie rauchend und verkokelt zu sein, da stößt Matze sich allen Ernstes von der Hauswand ab und schlendert auf mich zu, direkt auf mich und mich trifft jetzt kein Blitz mehr, stattdessen ein ganzer Kometenhagel. Rechts Kometen, links Kometen, zischhagelhagel am Ohr vorbei, um ein Haar wäre es getroffen worden, mein Haar, vielleicht schwanke ich deswegen. Das ist noch lange kein Grund, derart dämlich zu grinsen, wie ich es aber leider tue. Matze grinst auch, nicht dämlich, sondern komplett cool. Ewig entspannt. Zum Sterben süß. Sein Grübchen brennt sich in meine Netzhaut. Es wird dort nie mehr ganz verschwinden.

Du bist mir ja eine Maus, sagt er und klingt dabei einfach nur nett. Mein dämliches Lächeln verschwindet, ich werde locker. Warum, frage ich und recke das Kinn. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund heraus ist mit mir schlagartig alles in bester Ordnung. Na, weil du ständig hier an der Raucherecke vorbeiläufst, aber nie eine rauchst, antwortet Matze. Hä, erwidere ich eloquent und füge glückseligerweise noch hinzu, dass ich ja noch nicht dürfe, zu jung. Die Raucherecke ist erst ab 16 erlaubt. Matze checkt mich ab, von oben nach unten und beendet die Begutachtung mit einem neuen Schub anschmachtenswerter Schmunzler. Ach so ist das, sagt er abschließend, zwinkert mir zu und trottet rüber zu seinen qualmenden Kumpels. Einfach so. Scheiße, habe ich gestern Haare gewaschen?

Ich renne aufs Mädchenklo und prüfe im Spiegel eilig meine Frisur. Die Haare sind nicht fettig, aber platt, so hat er mich gesehen! Ich möchte im Erdboden versinken oder mich im Klo runterspülen, wenn ich ohnehin vor Ort bin. Mit den Fingern fahre ich meine Kopfhaut entlang, reibe und wühle in den Haaransätzen herum bis die lustlosen Strähnen sich ausreichend gezwungen sehen, ein bescheidenes Volumen hervorzubringen. Ich schiebe nochmal von unten nach, schubse die Haare nach oben, drapiere daran herum als säße ich frisch geföhnt und dauergewellt im Friseursalon. In den Fünfzigern oder so. Damit ich nicht ausschließlich das gemacht habe und um mir selbst zu vermitteln, dass ich total normal bin, gehe ich noch auf die Toilette. Üblicherweise und natürlich auch heute ist das Klopapier alle und ich verfluche, nicht vorher geprüft zu haben, in welcher Kabine noch welches ist. Wie soll ich das jetzt anstellen, ich tropfe, so kann ich unmöglich einfach meinen Schlüpfer hochziehen. Ich erwäge, die Hand zu nehmen und sie anschließend vorne einfach zu waschen, verwerfe die Idee aber, weil das dann doch zu eklig ist. Schlussendlich benutze ich die leere Papprolle vom Klopapier und schmeiße sie in den Abfalleimer neben der Toilette. Ich finde mich ziemlich erfinderisch und schlau und schreite sehr selbstbewusst zum Waschbecken, wasche mir die Hände, wische sie an meinem Pullover ab, weil ich zu faul bin, den komischen Trockner zu benutzen, prüfe abermals das neugewonnene Volumen in meinem Haar und flaniere weiter superselbstbewusst hinaus auf den Gang und den Gang entlang und Blitzschlag Nummer 2 an diesem Tag. Matze steht an der Treppe zum ersten Geschoss und hält mir einen kleinen Zettel entgegen, grinsend. Lass mal da treffen, sagt er, da ist es unter 16 erlaubt und hierauf steigt er einfach die Treppe hoch und ich schaue auf seinen kleinen Arsch, der in der engen Hose ganz leicht nach rechts und nach links ausschert.

Bis zu diesem Treffen esse ich nichts mehr und das ist ein Problem, denn Matze hat keinen Tag und keine Uhrzeit benannt. Der Einfachheit halber begebe ich mich am Tag der Einladung direkt nach der Schule zum Treffpunkt und warte drei Stunden lang bis es nicht länger geht, weil meine Mutti dann von Arbeit kommt und bemerken würde, dass ich nicht gleich nach der Schule heimgegangen bin. Ich bin trotzdem zu spät zuhause und es gibt ein Heidendonnerwetter. Wo bist du gewesen, was soll denn das, auf dich ist kein Verlass, und das ist natürlich total absurd, weil auf mich bisher absolut immer Verlass war, ich bin bis zu diesem Tag immer direkt nach der Schule nach Hause gegangen, all die neun Jahre lang, außer wenn ich vorher mit ihr abgesprochen hatte, dass ich direkt mit zu Susi darf oder außer, wenn ich im Anschluss an die Schule Handballtraining hatte, was nur kurz der Fall war, denn ich bin sehr ungeeignet für Handball. Ich bin zu klein. Ich lasse das also alles über mich ergehen, das Gezeter meiner Mutter, die Tiraden, das Gepläge und Geplärre, mein Kopf ist bei Matze, mein Hirn wird abgeschirmt durch meine feste Schädeldecke, an der die gebrüllten Wörter aus der Mutter Mund abprallen wie Regen an einer Windschutzscheibe. Mein geleeartiges, waberndes, rosanes, von Matze durchtränktes Hirnchen ist total geschützt, über meinen Ohren liegt ein unsichtbarer Film, mir geht es prima und zum ersten Mal denke ich den Gedanken, dass meine Mutter vielleicht nur meckert, weil sie zu viel arbeitet. Sie rennt vom Flur in die Küche und klagt dort weiter. Ich höre sie noch, während ich in meinem Zimmer auf der Couch sitze, aber ich höre sie eben nicht wirklich, nicht bis tief drinnen, sondern bloß äußerlich, als würde ich vor einem Laden an ihr vorbeilaufen und ein paar Gesprächsfetzen aufschnappen. Umgehend wieder vergessen.

Am nächsten Tag halte ich es für uneingeschränkt unerträglich, ihm in der Schule zu begegnen, wie sollte ich reagieren. Völlig ausgeschlossen, ich halte frühmorgens das Fieberthermometer ganz kurz in den Tee, setze eine leidende Miene auf und schniefe theatralisch. Meine Mutti hat sich längst beruhigt, ist voller Mitleid und meldet mich in der Schule krank. Ich verbringe den Vormittag vor dem Fernseher, schaue erst Animes für Kinder und im Anschluss eine Talkshow nach der anderen. Ich strippe für mein Leben gerne, Mein Kind ist nicht von dir, Ich habe mehrere Partner, alles sehr unterhaltsam heute. Was Talkshows betrifft, schaue ich eigentlich alles. Vera am Mittag, Bärbel Schäfer, Andreas Türck, Sonja, Ricky, Illona Christen, Oliver Geissen, Nicole – Entscheidung am Nachmittag. Am besten gefällt mir Arabella, am langweiligsten finde ich Hans Meiser, aber wenn es sein muss, guck ich den auch. Heute schalte ich eher ab und ziehe mir normale Sachen an. Da ich seit über einem Tag nichts gegessen habe, wölbt sich mein Bauch nach innen, die Jeans sitzt nicht richtig. Ich grüble, ob das sexy ist oder eher bescheuert und entscheide schließlich, einen Gürtel reinzuziehen, denn die Hose rutscht sonst recht reichlich und das wäre womöglich einfach zu viel des Guten. Matzes perfekt sitzende Hosen rutschen mir vor das innere Auge und ich habe gleich nochmal weniger Lust, jemals wieder was zu essen, aller Hunger ist wie ausradiert, einfach gelöscht im System, als gäbe es Hunger für mich nicht mehr. Vielleicht bin ich jetzt ein Roboter, muss nie mehr essen, kann den ganzen Tag funktionieren. Auch geschlafen habe ich kaum, möglicherweise ist das die nächste Stufe. Nicht essen, nicht schlafen. Dann noch nicht trinken und dann muss ich nicht mal mehr aufs Klo. Nur noch reden und laufen und lachen und cool sein. Nichts stinkt, nichts kleckert, nichts schnarcht. Ich erlebe mich unsterblich.

In dieser Stimmung eile ich erneut zum Treffpunkt. Der befindet sich auf einem kleinen Verbindungsweg zwischen zwei Straßen in der Nähe unserer Schule, nicht viel mehr als ein Trampelpfad, eine Abkürzung für die Eingeweihten, abfallend und ganz unten mitten in der Mitte fließt ein Bach und darüber führt eine kleine, steinerne Brücke und auf der steht Matze, über das Geländer gelehnt, die kurze Jacke offen, den kleinen Arsch in der engen Hose dargeboten, nach hinten ausgestreckt, ein Knie abgeknickt, er raucht und blickt in den Bach, so lässig, dass ich mich sofort maximal fehl am Platz fühle. Meine Hose rutscht trotz des Gürtels, die Schlaufen sind zu weit auseinander, der Gürtel sitzt eng an meiner Taille, aber die Hose dazwischen rafft sich und strebt nach unten, der Ledergürtel zeigt sich überhaupt nicht verantwortlich für den Jeansstoff! Scheiße!

Ich lasse mir natürlich nichts anmerken und nähere mich der Brücke. Matze wendet erst ganz im letzten Moment sein Gesicht mir zu. Ich spüre den Gürtel an meiner Haut reiben, reibreib und nun zudem noch meinen Schlüpfer zwischen die Pobacken rutschen, reibreib, mein BH sitzt plötzlich viel zu locker, er rutscht an meinem Brustkorb hin und her, er schlackert beinahe, all meine Kleidung ist mir zu groß oder zu klein, alles reibt und rutscht und raschelt. Hi, sagt Matze und zieht den rechten Mundwinkel nach oben und ich sage hi und die Kleidung merk ich nicht mehr. Ich ströme zu Matze auf die Brücke und er dreht den Rücken zum Bach, er dreht sich zu mir. Ich stelle mich ihm gegenüber mit dem Rücken an das andere Geländer und wir schauen uns an, Matze und ich. Er schaut zu mir runter, er ist echt groß, doch wir schauen uns an, direkt in die Augen. Cool, dass du gekommen bist, und mit einem schelmischen Grinsen hält er mir eine offene Zigarettenschachtel hin. Ich war gestern schon hier, erwidere ich und komme mir auf der Stelle dämlich vor, weil es wie ein Vorwurf klingt. Total lässig wäre es gewesen, den Eindruck zu vermitteln, ich sei nicht bedürftig und hätte ohne Not einen Tag warten können, weil ich an dem anderen Tag viel zu beschäftigt war, viel zu gefragt, viel zu beliebt. Verkackt. Doch Matze lacht. Ich auch, meint er, vielleicht zu spät, wir haben uns wohl verpasst. Aber heute nicht, sage ich ganz zackig wie von einer äußeren Macht gesteuert und Matzes Augen blitzen auf. Heute nicht, stimmt er zu und sein Unterton verrät mir, dass ihm das gefällt.

Er hält die Schachtel näher an mich heran, auffordernd und ich greife hinein, kriege aber beim besten Willen keine Zigarette heraus, sie sitzen so stramm beieinander, keine will sich lösen, meine Fingerkuppen tippen und drehen und stubsen, ich will nicht die Fingernägel benutzen, nicht die zerbrechlichen Stängel kaputt machen, oh Gott, ist das peinlich. Ich bin unfähig, eine Kippe aus einer Schachtel zu entnehmen, mein Leben endet hier und heute auf dieser Brücke. Matze schüttelt die Schachtel, tippt mit dem Zeigefinger einmal darauf und eine Zigarette löst sich von den anderen, rückt vor und reckt sich mir entgegen. Da will es selbst mir gelingen, sie zu angeln und Matze erweckt nicht den Eindruck, als wäre eine Ungewöhnlichkeit geschehen. Ich atme wieder.

Hast du schon mal gepafft, will er wissen und ich schüttle den Kopf. Er nimmt mir die Zigarette aus der Hand und hält sie mit der beigefarbenen Stelle nach oben. Das ist der Filter, ich würde empfehlen, die Kippe stets von da aus zu rauchen, erklärt Matze grinsend und führt das Objekt der Begierde unvermittelt an meinen Mund. Ich bin völlig unvorbereitet, der Filter stößt an meine geschlossenen Lippen, eilig öffne ich sie und Matze lässt die Zigarette hineingleiten, nicht weit, nur so, dass der Filter locker zwischen den Lippen sitzt. Jetzt besteht eine Verbindung unserer Körper durch die Zigarette, an dem einen Ende meine Lippen, an dem anderen Ende Matzes Finger, die Zigarette ist das Bindeglied zwischen uns, wir sind eins, die Zigarette in mir, Matze in mir, da nehme ich aufs Neue meine Kleidung wahr, der Stoff des Schlüpfers ist im Weg, meine Schamlippen vibrieren, irgendetwas weitet sich da untenrum, breitet sich aus, pulsiert und wie aus dem Nichts kommt es mir nass vor, ich habe doch nicht etwa, nein, das kann nicht sein, quatsch, ist wieder weg. Ich habe es mir eingebildet und konzentriere mich jetzt aufs Rauchen, weitere Peinlichkeiten möchte ich tunlichst vermeiden.

Matze zückt sein quietschgelbes Feuerzeug, drückt auf das Rädchen und lässt eine Flamme auflodern. Du musst an der Kippe ziehen, während ich sie entzünde und dann einatmen, den Rauch kurz in der Lunge halten, ausatmen. Matze erklärt es sicher richtig, doch was passiert, ist, dass ich irgendwo in diesem Vorgang versage und zu husten beginne. Matze lacht nochmal, aber nicht bösartig, er lacht liebevoll. Das ist normal am Anfang. Er zeigt mir, wie er es macht, zieht mit geschlossenen Augen an der Zigarette, einige Augenblicke verstreichen, die Zeit steht still, seine Stirn liegt in Furchen, er wirkt gleichzeitig angespannt und entspannt, total faszinierend, und als Nächstes wird seine Stirn glatt, alles löst sich, er öffnet die Augen und lässt den Qualm in Form einer Kugel aus seinem Mund entweichen. Auch nur annähernd anmutig werde ich das wahrscheinlich nie fertigbringen, ich nehme ein paar weitere Züge und tatsächlich klappt es nun, ohne zu husten. Zwar bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich inhaliere, aber hier hat Matze den nächsten Tipp parat. Ruckartig einatmen, stell dir vor, du siehst deine Mama um die Ecke biegen und vor Schreck saugst du Luft ein, huch! Mama kommt! Der Trick funktioniert, der Rauch verweilt nicht mehr in meinem Mundraum, sondern irgendwo anders, tiefer. Es ist gleichermaßen wohlig und schmerzhaft, ich schließe die Augen und als ich sie wieder öffne, sehe ich Matze, der sich noch ein Mü mehr zu mir heruntergebeugt hat und mich ansieht. Seine Augen sind braun. Ich habe keine Peilung, ob der Rauch noch in meiner Lunge ist oder ob ich ihn bereits ausgeblasen habe, was ich definitiv peile, ist, dass Matze seine Lippen auf meine legt, und er schmeckt nach Rauch und ich schmecke nach Rauch. Erst spüre ich Matzes Lippen nur leicht, zart und mild, aber als Nächstes presst er sie heftig auf meine und sie fühlen sich voll an und heiß. Er übt Druck mit ihnen aus und mein Mund öffnet sich wie der meiner Katze, wenn der Tierarzt ihr mit beiden Fingern in die Lefzen drückt, der Kiefer gibt ganz von alleine nach und schließlich ist mein Mund ganz offen und auch Matzes Mund ist ganz offen und seine Zunge ist übergangslos bei mir, hat sie dort etwa schon immer hingehört. Meine Zunge fängt an, mit seiner zu spielen, als hätte sie darauf gewartet, als wäre das der Auftritt, auf den sie sich all die fünfzehn Jahre vorbereitet hat, in denen sie bloß schlaff und lustlos in meinem Mundraum rumgelegen hat. Jetzt erwacht sie zum Leben, tänzelt und lockt und schmiegt sich an die Männerzunge gleich einem überdrehten Kind an seine Mutter, wohlig und wild.

Stundenlang machen unsere Zungen das miteinander, würde ich schätzen, zwischendurch gibt es kleine Pausen, in denen wir weiter rauchen, oder jedenfalls Matze, denn mir ist die Zigarette längst ausgegangen. Der Blick auf die Uhr verrät, dass es keine Stunden waren, aber durchaus lange. So lange, dass ich los muss, ganz unbedingt bevor meine Mutti nach Hause kommt, zwei Tage hintereinander kann ich keine Verspätung bringen. Ich muss los, sage ich also zu Matze und er lehnt sich wieder vor, das ist aber schade, antwortet er in einem aufreizenden Ton und legt beide Hände an meine Hüften. Die Fingerspitzen landen irgendwo zwischen dem Gürtel, der schlecht sitzenden Hose und der freiliegenden Haut. Matze schiebt Zeige- und Mittelfinger durch zwei meiner Hosenschlaufen, eine rechts, eine links und lässt die lockere Hose grinsend auf und ab gleiten. Er schaut mir dabei direkt ins Gesicht, grinst mich direkt an, direkt in die Augen. Ohne Gürtel wär besser, glaube ich, raunt er und mir schießt das Blut in die Wangen, sie glühen, auch zwischen meinen Beinen glüht es abermals wie am Anfang auf der Brücke, warm wie meine Wangen, das Blut ist überall, aber nicht da, wo es benötigt wird, mein Hirn steht still. Ja, sage ich und mehr kommt nicht. Matze öffnet, ohne den Blick von meinen Augen abzuwenden, mit flinken Händen meine Gürtelschnalle und zieht den Gürtel in einer langsamen Bewegung Schlaufe für Schlaufe von der Hose ab. Am Ende hält er das lederne Band in der Hand wie ein Schlangenbändiger seine Kobra oder Boa oder Python oder was auch immer die bändigen und die Jeans sitzt so, dass sie gerade noch meinen Schambereich bedeckt. Matze triumphiert. Den behalte ich, bis du mich das nächste Mal besuchst, aber dann bei mir zuhause. Er rollt den Gürtel zusammen, in Zeitlupe und ich versuche, nicht nach hinten über zu kippen und im Bach zu ertrinken. Wir verabschieden uns mit einem weiteren Zungenkuss und ich trete taumelnd und mit rutschender Hose den Heimweg an.

Dabei mache ich ganz kleine Schritte und stelle mir vor, dass Matze und ich über den Schulhof laufen, nein flanieren, langsam und bedacht, so wird es gemacht, uns an den Händen haltend und jede einzelne Sekunde unserer Zeit miteinander auskostend. Unsere Finger sind ineinander verschränkt, lange schmale Glieder, ineinander miteinander aufeinander untereinander durcheinander. Ich atme ein, ich atme aus, aber die Hände bleiben beieinander, nie auseinander. Über sie geht Matzes Wärme auf mich über, ich bin erfüllt davon, im Sommer, im Winter, es ist völlig unerheblich, welche Temperatur die Luft um uns herum hat, wir sind eine kleine Hitzezelle mitten auf dem Schulhof, drumherum alles blau, wir dunkelrot. Alle schauen zu uns rüber, weil immer alle schauen, wenn Matze etwas tut, aber jetzt bin ich an seiner Seite, somit schauen sie automatisch mich an, mit offenen Mündern, glotzend, neidisch. Keiner stellt es in Frage, denn es ist ja wie es ist, für alle sichtbar, Hand in Hand, keinerlei Interpretationsspielraum. Ich genieße die Klarheit, die Eindeutigkeit. Es ist unerheblich, dass ich zwei Klassen unter ihm bin, es ist unerheblich, dass jeder Matze kennt und ich ein Niemand bin, ein Niemand war, ich bin kein Niemand mehr. Ich bin Matzes Freundin, kennt ihr schon Matzes Freundin, habt ihr schon von Matzes Freundin gehört, sie sieht hammermäßig aus, sie ist eine total Süße, die beiden sind unzertrennlich und im Hintergrund reden die Anderen über uns und glotzen, aber Matze und ich haben nur Augen und Ohren für Matze und mich, wir malen uns unsere Zukunft aus, wenn Matze studiert, gehe ich in die Oberstufe, dann holt er mich in einer Unipause von der Schule ab und wir trinken Kaffee oder essen Döner und dann fährt Matze nochmal in die Uni und ich lerne für die Schule und abends telefonieren wir oder am Wochenende nimmt er mich mit auf Studentenpartys wenn meine Mutti es erlaubt. Vielleicht werde ich ihr irgendeine Geschichte auftischen müssen oder genaugenommen brauche ich dafür ja regelmäßige Geschichten, wie ein abendliches Volleyballtraining, leider ist das nicht die beste Idee, weil ich ja in Handball so untalentiert war, also vielleicht lieber was mit Musik, eine Band, Bands proben abends, das wird sie mir glauben. Ich kann ihr sogar sagen, dass ich mit Matze zusammen dort bin, denn er spielt ja Schlagzeug, er spielt Schlagzeug und ich singe und das wird sie mir glauben und es ist immerhin bloß halb gelogen. Ich möchte meine Mutti eigentlich nicht anlügen, aber für Matze werde ich es tun, für die Zeit mit ihm, für die Studentenpartys, auf denen uns alle sehen.

Am nächsten Tag erzähle ich Susi von unserem Treffen und hier sind wir nun in meinem Zimmer auf meinem Teppich mit meiner Sprite und sie macht sich über seinen Namen lustig. Den habe ich ermittelt, weil ich am Morgen Klassenbuchdienst hatte und dezent das Jahrgangsheft des Physik LK 11 einzusehen vermochte. Matthias Schoening. Herr Schönwald, der Mathelehrer vom letzten Jahr, hat es gesehen und nichts gesagt. Die Namen sind sich ja voll ähnlich, fällt mir auf und dann fallen mir die Kreidereste an seiner schwarzen Jeans auf und die Schlieren lassen mich kalt.

Dir ist schon klar, um welchen Matze es hier geht, hake ich bei Susi nach und blicke sie ungläubig an. Keiner macht sich lustig über Matze. Nie.

Nee, ich führ‘ ja kein Buch über die Matthiase oder Matzes unserer Schule, raunt sie mir zu. Susi schüttelt abschätzig ihre blonde Mähne und mich überwältigt übelst, wie schön sie ist. Im Gegensatz zu meinem ist ihr Haar richtig blond geblieben, hell, golden, blond wie ein Weizenfeld, weil Blondinen vieles leichter fällt. Dazu hat Susi hellblaue Augen, helle Haut, sowieso ist alles hell an ihr, aber nicht kränklich blass, sondern so, als sollte es eben so sein, als wäre es exakt so gedacht gewesen. Ein Porzellanmädchen, sagt meine Mutti manchmal. Susi ist aus Porzellan, aber dazu ist sie groß, Handballerinnengroß. Standen wir früher im Sportunterricht noch nebeneinander und in der Reihe weit links, habe ich irgendwann das Wachsen eingestellt und sie ist weit über das Ziel hinausgeschossen, oder jedenfalls weit über mich hinweg. Sie ist hell und groß und schlank. Bei Susi passt alles zusammen. Ein Gesamtkunstwerk. Bei mir passt aktuell nichts so richtig zusammen. Ich bin zwar auch dünn, aber bei mir sieht es nach rutschender Hose aus. Ich bin zwar auch blond, aber abgedunkelt, straßenköterblond, wie alle eben. Meine Haut ist zwar auch hell, aber nicht so eben und strahlend wie bei Susi, sondern gesprenkelt, irgendwie fleckig, ich bin kein Porzellanmädchen. Meine Nase ist zu groß für mein Gesicht, meine Augen zu klein, meine Vorderzähne zu lang, meine Schultern zu breit, meine Brüste zu flach, mein Bauch zu weich, und so weiter. Bei Susi ist alles harmonisch abgestimmt, aus einem Guss, Porzellanmädchen. Aber Matze hat sich mit mir auf der Brücke getroffen und ich glaube, das kotzt Susi an.

Ist mir klar, aber d i e s e n Matze kennt halt jeder, setze ich nach. Du verarschst mich doch, wir reden doch nicht von d e m Matze. Susi ist sich sehr sicher.

Doch, genau von dem reden wir. Matze aus der 11. Mit dem Moped. Und dem Schlagzeug. Und den engen Hosen.

Susi starrt mich an und sagt eine Weile nichts. Und DER hat dir einen Zettel zugesteckt? Mit einem Treffpunkt? Ja.

Susi fallen die Augen raus. Mir fallen die Augen raus. Was ich da sehe, darf nicht sein und ich schließe die Augen und zähle bis drei.

Drei. Matze und ich haben uns seit drei Tagen nicht gesehen. Am Mittwoch war die Sache mit der Band. Mag sein, dass ich überreagiert habe, doch in dem Moment hat es sich ernsthaft einfach nur unsagbar scheiße angefühlt. Ich wollte mit ihm darüber reden, ihm alles erklären, er würde es garantiert verstehen, würde sich umentscheiden, wir würden am Ende darüber lachen. Aber gelacht hat er allein, er hat es weggelacht, allein für sich und gegen mich. Ein Warum wollte er nicht hören, für ihn gab es ausschließlich dass und ob und ja oder nein. Er war Ja, ich war Nein, allerdings bekam mein Nein überhaupt keine Chance, sich zu entfalten, es wollte sich zusammentun mit guten Gründen oder einem Bitte hör mir zu, doch Matzes Ja hat alle weggeboxt. Ich habe angefangen zu heulen und erst war es eine Befreiung, eigentlich okay, als hätte sich die Tränenflüssigkeit seit Wochen unbemerkt hinter meinen Augen abgelagert, ich habe mir meinen Schädel vorgestellt wie ein überflutetes Haus, wo das Wasser von oben oder unten reinsickert, aber die Fenster und Türen bleiben zu und alles staut sich, auf einmal öffnet einer ein Fenster und es geht los und es bersten alle anderen Fenster und die Wassermassen bahnen sich ihren Weg und das Haus hat sich endlich entleert und die Bewohner können anfangen, die gammeligen Möbel rauszuräumen, die nasse Tapete von den Fenstern zu ziehen, alles was labberig ist, muss weg und dann warten sie, lassen frische Luft durch die Räume ziehen, machen im Garten mit ihren Freunden und Helfern ein Picknick mit Baguettes vom Bäcker und Aufstrichen und dann tapezieren sie das Haus, tragen neue Möbel in jedes Zimmer und dann ziehen sie wieder ein und alles ist fein und besser als vorher. Und sie sagen, im Grunde hatte das mit dem Hochwasser auf gewisse Weise sein Gutes, es war wichtig, es hat uns vorangebracht, unser Haus ist schöner denn je, es war der Antrieb, den wir brauchten, um hier mal feucht durchzuwischen. Feucht durchzuwischen. Haha. Sie würden lachen und alles wäre gut. Aber bei Matze und mir ist gar nichts gut.

Ich habe also losgeheult und es war erst okay, bis ich ihn angesehen habe durch den Tränenvorhang hindurch und er war verschwommen. Seine Miene habe ich trotzdem sofort erkannt, Matze war genervt. Er sah nicht aus wie einer, der mich rasch trösten würde, die Wange streicheln, in den Arm nehmen, etwas Liebes sagen, etwas Mildes, einlenken, zum Schluss seine Meinung ändern. Er sah aus wie einer, der den Aus-Knopf bei mir sucht. Oah, jetzt bitte nicht heulen, hat er geraunzt und die Augen verdreht, so wild ist es nun wirklich nicht, Malina! Doch, ist es, es ist wild, habe ich geplärrt und es klang wahrlich wie Plärren, wie eine heulende, rotzende Vierjährige und direkt war es mir peinlich, aber es gab ja keinen Aus-Knopf, folglich konnte ich ihn nicht betätigen, und so jammerte ich weiter in der Hoffnung, all das Leid würde letztlich noch zu ihm durchdringen, all die Klagen würden ihn erweichen und schließlich die harte Rinde durchfeuchten und zermatschen und ich würde sie abpulen und darunter einen Stamm finden, doch auf einmal checkte ich, dass Baumstämme unter der Rinde auch total hart sind. Und dass das auch für Matze galt. Ich hatte mich ihm angepasst, ich hatte alles Mögliche gemacht, um ihm besser zu gefallen. Er hatte meine Zähne kritisiert und ich schrubbte sie mit Backpulver ab. Er hatte meine Augenbrauen zu buschig gefunden und obwohl ich darauf in Wahrheit immer stolz gewesen war, fing ich an sie zu zupfen. Meine Haut war ihm zu fleckig, ich benutzte Abdeckstift. Meine Haare waren ihm zu glatt, ich drehte Locken rein. Meine Hosen waren ihm zu weit, ich kaufte sie enger. Wir liefen über den Schulhof, nebeneinander, nicht Hand in Hand, aber eng nebeneinander und ich fand mich dermaßen überlegen, den anderen dermaßen überlegen, einfach besser als die anderen und jetzt obendrein schöner denn je, er holte das Beste aus mir raus. Diese Geschichte erzählte ich mir zuhause, wenn ich mich einsam fühlte, weil er mich nie besuchte, er holte das Beste aus mir raus und auf dem Schulhof konnten es alle sehen, dafür lohnte es sich, der eklige Geschmack des Backpulvers, das nervige Dauerzupfen, die taschengeldverschlingenden Ausflüge ins Rossmann, die verbrannten Haarsträhnen, die endlosen Diskussionen mit meiner Mutter.

Und jetzt stehe ich da, in engen Hosen und mit lockigem Haar und sehe Susi, die ihn abknutscht. Sie stehen unten am Bach, auf dem Verbindungsweg zwischen den zwei Straßen in der Nähe unserer Schule, auf dem Trampelpfad, der Abkürzung für Eingeweihte, abgesenkt, ganz unten mitten in der Mitte auf der kleinen, steinernen Brücke über dem Bach, am Geländer steht Matze und darauf hockt Susi, breitbeinig, Matzes schmale Hüften zwischen ihren Schenkeln, sie umklammert ihn mit ihren langen, perfekten Beinen und ihr Mund knutscht ihn ab, keine Ahnung, wo seine Visage anfängt und ihre aufhört oder ihre anfängt und seine aufhört, sie sind eine schmatzende, sabbernde, triefende, labberige Einheit und ich verspüre den Impuls, sie im Ganzen in den Bach zu stoßen. Ich könnte hinrennen und sie schubsen, sie würden es vielleicht nicht mal merken, ein kräftiger Hieb auf Matzes Rücken, sie würden das Gleichgewicht verlieren und platsch, man, wäre das peinlich! Aber es wäre nicht nur peinlich für sie und in mir kriecht eine Hitze hoch, züngelnde Flammen, die von innen an meiner Haut lecken, die Scham, ich bin die, die sich schämt. Ich stehe hier in diesen scheiß Hosen, die meine Mutter immer noch jeden Morgen mit einem grausamen Blick bedenkt und war auf dem Weg zu Matze, um mich zu entschuldigen, dass ich so ein Drama gemacht habe, weil er mich zu seinem Bandtrip nicht mitnimmt. Ich hatte mir vorgestellt, wie das alles total lässig wäre, ich wäre lässig und ruhig und verständig und er wäre erleichtert, sein Antlitz würde sich erhellen, er würde meine Wange streicheln, alles wäre gut und so, wie es sein soll.

Aber jetzt steht er da und knutscht Susi und mir wird klar, ich mag ihn eigentlich nicht. Er ist kein netter Mensch.

6 Ian

Eine Textnachricht vom Amerikaner wirft meinen kompletten Tag über den Haufen. Ich sitze am Computer und versuche, mir einen Reim auf das zu machen, was sich da abspielt, eine virtuelle Welt, in der ich herumlaufe, doch überall zeigen sich bloß verpixelte Ecken und Kanten, gelegentlich leuchtende Lettern, nicht aber irgendwelche anderen Figuren. Grobkörnige Gestalten. Strichmännliche Stellvertreter gesteuert von echten Menschen. Abstrakte Avatare analoger atmender man ist das langweilig, ich fange schon mit Wortspielen an. Bin ich die Einzige hier? Eigentlich sollte das eine Welt sein, in der man auf Andere trifft. Ausgesprochen aufregend finde ich diesen Gedanken, in meinem Zimmer zu sitzen und in anderen Zimmern in anderen Ländern sitzen andere Leute und wir begegnen uns auf dem Bildschirm. Theoretisch. Aktuell jedoch scheine ich was auch immer falsch zu machen und haargenau in diese Erkenntnis hinein vibriert mein Handy. Brff Brff. Erst kann ich gar nichts damit anfangen, mein Handy vibriert äußerst selten, denn keiner meiner Freunde hat Bock, sein ganzes Taschengeld für Nachrichten auszugeben. Nur Susi hat einen Trick gefunden, mit dem sie aus dem Internet heraus Textnachrichten an unsere Handys schreiben kann, ohne dafür bezahlen zu müssen. Sie hält sich für die gottverdammte Königin der Kommunikation und erleuchtet uns alle täglich mit ihren Weisheiten auf hundertsechzig Zeichen, während wir darben und uns, ganz braves Fußvolk, ihr zu Füßen schmeißen, auf dass sie uns ihren heiligen Kniff verraten möge. Tut sie aber nicht. Natürlich hütet sie ihr Geheimnis wie einen Schatz, denn es macht sie überlegen und Susi liebt es, überlegen zu sein. Sie geht mir schon seit Ewigkeiten ganz gehörig auf den Zeiger mit ihrer Attitüde, leider krieche ich am Ende immer wieder zurück zu ihr, das muss aufhören.

Die Textnachricht ist aber nicht von Susi, sie ist von Ian. Ian, der Amerikaner, wir nennen ihn nur so, weil es uns alle unglaublich fasziniert, dass er allen Ernstes dort drüben geboren ist, in seiner Kindheit über diesen unglaublichen Kontinent gerobbt und gekrabbelt und gerannt ist, in solch einem weiß getünchten Vorstadthaus groß geworden ist, das wir aus den Serien kennen. Er ist allen Ernstes mit seinem Fahrrad diese Straßenquadrate abgefahren, mit seinen Eltern später zu McDonalds ins Drive-in, das laut seiner Aussage genaugenommen kein Drive-in, sondern ein Drive-thru ist, weil man ja durchfährt und nicht rein. Drive-in. Fahr rein. Ich stelle mir vor, wie ein vollbesetztes Familienauto mitten in eine McDonalds-Filiale kracht, direkt auf die Fritteusen, in die Fritteusen, und die Köpfe der Eltern sacken in die Airbags, die Kinder auf dem Rücksitz jedoch sind nicht ordnungsgemäß angeschnallt, sie haben sich aus ihren viel zu lockeren Gurten gelöst, die die Eltern immer schlaff gelassen haben, um nervtötenden Diskussionen zu entgehen und Geschrei zu vermeiden, eine übliche Nachgiebigkeit, und bisher war es ja völlig ausreichend, aber diesmal macht es einen Unterschied, denn sie fahren mitten rein in eine McDonalds-Filiale und die Kinder fliegen vom Rücksitz über die airbagumhüllten Elternköpfe hinweg durch die Scheibe direkt hinein in die Fritteusen und alles ist voller Fett, frittierte Kinder. Ian meint, Amerikaner essen alles frittiert, sie würden garantiert ihre eigenen Kinder verspeisen, böte man sie in Öl ausgebacken bei McDonalds an und ich nehme an, aus dieser charmanten Übertreibung wiederum speist sich meine obskure Fantasie. Ian beflügelt meine Fantasie, unser aller Fantasie, denn wir wollen alle in Amerika sein, warum wissen wir selber nicht. Wir wollen einfach. Drüben ist es besser, heller, greller, größer. Die Welt interessiert sich nicht für uns, keiner schaut die Serien und Filme, die in den Städten und Dörfern spielen, die aussehen wie die Städte und Dörfer, in denen wir leben, aber alle schauen die Serien und Filme, die in den Städten und Dörfern spielen, in denen die Amerikaner wohnen. Die ganze Welt. Die ganze Welt interessiert sich für Amerika und Ian ist ein Amerikaner. Die ganze Welt interessiert sich für Ian, also auch ich. Und Ian interessiert sich für mich, denn er hat mir eine Nachricht geschrieben vom Handy seines Gastbruders, sein eigenes funktioniert hier nicht. So exotisch! Sein Handy entspringt einer ganz anderen Welt, es ist wie ein Splitter von einem Asteroiden, den Astronauten nach einem Weltraumspaziergang mit in die Raumstation nehmen und schließlich in ihrer Landekapsel mit auf die Erde. Sie legen den Splitter in eine Vitrine und dort liegt er fortan für alle sichtbar, sein Ursprung nicht von dieser Welt, fremdartig, außerirdisch, unendlich kostbar. Ich möchte Ians Handy berühren, an mein Ohr halten, mir vorstellen, ich sei in New York und telefoniere mit irgendjemandem, der wichtig ist. Dafür muss ich Ian treffen und das wird gelingen. Hi Malina möchtest du ein eis essen morgen nach schule ian. Ja, ich will! Möchte. Er kann das Wort nicht korrekt sprechen, da bin ich mir sicher. Sein Deutsch ist okay, doch es ist noch viel Luft nach oben, mit diesen Worten kommentiert Mutti ihrerseits gern meine Russischkenntnisse. Das macht ihn, also Ian, lediglich noch reizvoller. Voll praktisch ist auch noch das Timing. Die Hälfte seines Auslandsjahres hier ist rum, das wird nichts für die Ewigkeit, aber das macht mir nichts aus. Nach der Geschichte mit Matze habe ich ohnehin die Nase voll von der großen Liebe, nochmal lasse ich mich nicht verarschen, nun bin ich am Drücker, habe ich mir überlegt. Keine Lust auf Kummer mehr. Wir werden ein Eis essen gehen und es wird aussehen, wie wenn Amerikaner Eis essen und er wird moschte sagen und nicht möchte und alle werden hören, dass er von weit her stammt. Ich stelle mir vor, von Kellnerinnen auf Rollschuhen bedient zu werden, was natürlich quatsch ist, weil es solche Eisdielen bei uns nicht gibt, aber die Kugeln werden knallgelb und knallrosa sein, candyrosa, americacandyrosa. Er weint. Er hat allen Ernstes angefangen zu weinen und ich bin darauf null vorbereitet. Erst färbte sich bloß das glänzende Lid unter seinen Augen blutrot, sein Blick wurde glasig, irgendwie wässrig, aber die Augenhäute hielten das Wasser fest, was mich an das riesige Aquarium im Stadtzentrum erinnerte, an dem wir manchmal nur vorbeiliefen und staunten, weil es krass cool aussah.

Leider sieht Ian gerade gar nicht cool aus. Sein Gesicht ist verzerrt, es sieht nicht cool aus, sondern wie von einem kleinen Kind gemalt, alles sitzt grob am richtigen Fleck, man kann sich das schon denken, da die Haare, da die Ohren, unten ein Mund, man lobt das Kind, weil es für sein Alter ein völlig zufriedenstellendes Bild angefertigt hat, aber abends lacht man auch ein bisschen, wenn man es dem Vater zeigt, schau mal, die Kleine hat ihren Papa gemalt, ist echt gut getroffen, ha ha ha. Ians Miene ist ein kindergemaltes Abbild seines eigentlichen Gesichts, die Augen kippen ineinander, die Augenbrauen sacken ab, der Mund rutscht hoch, alles strebt zueinander, es ist viel zu viel Gesicht für viel zu wenig Augenasemund. Dann klappt auf einmal der Unterkiefer runter, Ians Mund öffnet sich, ein stummer Schluchzer entweicht und alles löst sich, die Farbe verschwimmt, das Kind hat Wasserfarben benutzt, sie waren noch nicht trocken, die Wassersäule birst und das Wasser läuft und läuft, läuft über Ians Wangen, seinen Kiefer, überschwemmt sein ganzes Gesicht, sein ganzes rotes Gesicht, das zuckt und rutscht, Ians ganzer Körper wackelt und schlackert, wird erschüttert und heimgesucht von zahllosen kleinen Erdbeben, wieder und wieder, Nachbeben sind das.

Ich bin der Auslöser. Ich bin das Hauptbeben. Vor einer halben Stunde habe ich ihm etwas gesagt, das ich ihm eigentlich bereits seit mindestens drei Wochen sagen will, jedoch bisher jedes Mal erfolgreich einen Grund gefunden habe, es nicht zu tun. Schon zu spät, noch zu früh, morgen Klausur, Schnupfen, nicht ausgerechnet bevor er mit zuhause telefoniert. Mit Amerika. Wo er normalerweise längst sein sollte. Ist er aber nicht. Sein Austauschjahr ist vor zwei Monaten zu Ende gegangen, doch mittlerweile ist alles anders. Ian hat eine Freundin und er will sie nicht verlassen. Er will bei ihr sein, jeden Tag, so viel Zeit verbringen wie möglich. Er will noch besser Deutsch lernen, hier studieren, mit ihr zusammenziehen, wenn sie nächstes Jahr mit der Schule fertig ist und dann ein Kind in die Welt setzen, oder zwei, ein Baby und ein kleines Kind und eine Studentenwohnung und ganz viel gemeinsame Zeit und ganz viel Liebe. Er streicht ihr jeden Tag versonnen über den Unterleib und stellt sich dabei vor, wie dort bald ein Baby wachsen wird. Und seine Freundin wird es stillen, während er in der Vorlesung sitzt oder während er Geld verdient für die junge Familie als Taxifahrer oder als Kellner oder als Fahrradkurier und er wird es ins Bett bringen und er wird es wiegen in der Nacht, wenn es schreit, bis er früh mit roten Augen aufs Neue aufsteht, um die Vorlesung zu besuchen oder Geld zu verdienen für die junge Familie. Er hat das alles sorgfältigst durchgeplant, hat lediglich einen einzigen Punkt dabei übersehen und der Punkt bin ich. Ich bin seine Freundin und ich möchte das alles nicht, moschte das nicht. Wie, du moschtest es nicht, ich will das so nicht, ich bin viel zu jung, später mal, ja, aber doch nicht jetzt und da sind Ians Augen rot geworden, nicht weil er die ganze Nacht das Baby gewiegt hat, sondern weil er weiß, dass es vorbei ist. Oder vielleicht nicht weiß, sondern ahnt. Hoffnung hat er noch, sonst würde er nicht betteln. Malin, bitte, please, come on, wir beide, it’s gonna be great, I know du findes das jätz noh a bit too much, but es wird total schon sein, er vermischt die Sprachen, wenn er aufgeregt ist. Er tut mir irgendwie leid, und irgendwie auch nicht. Mein Bauch ist verkrampft, ja, und mir ist zu Mute, als hätte man mir alle Servietten, die die Eisdiele aufbieten kann, in den Hals gestopft. Nur bin ich unschlüssig, was mich so mitnimmt, ob es Ians Leid ist oder vielmehr die Vorstellung, als junge Mutter mit Ian und zwei rotzenden heulenden Mini Ians auf fünfunddreißig Quadratmetern zu hocken. Ich bin abgedichtet, vollständig verschlossen, zu. Zu zugeknöpft, zu zugesperrt, Zugang verweigert. Weiter hinten im Kopf, dort wo die Schnellstraße zum Herzen langführt, ist mir klar, dass ich anders reagieren sollte, dass Ian Anteilnahme verdient hat, aber die Servietten sind in mein Hirn gewandert, das Areal, welches für Anteilname zuständig ist oder wäre, kann nicht mehr bis zur Schaltzentrale funken. Meine Hände bleiben still, meine Mundwinkel bleiben hart, meine Stimme bleibt ruhig.

Ian, bitte, nicht hier in der Eisdiele, das ist doch … Ich will nicht sagen, dass es peinlich ist, mir ist es peinlich, dass es mir peinlich ist, aber es ist mir peinlich. Ian scheint zu begreifen, den Satz selbst zu ergänzen und kriegt sich leicht ein. Er schnieft nur noch rum, die Tränen versiegen. Er zieht die Schultern hoch und wagt einen neuen Anlauf. Malin, … Ich schüttele den Kopf. Ich muss es direkt unterbinden, nicht dass ich am Ende noch einknicke vor lauter Schamgefühl. Außerdem ist er süß, er hat ein hübsches Gesicht, geschmeidige Haut, babyblaue Augen. Er ist nett. Ich lasse meine Stimme einen Hauch weicher werden, ich muss mich richtig anstrengen, ich erhoffe mir davon Erfolg. Nein, Ian, das ist nicht mein Konzept für die nächsten Jahre, allein die Idee engt mich total ein, es tut mir leid, ich gehe jetzt lieber. Draußen sitzt ein Mädchen und zieht ihre Inline Skates aus, sie sind drinnen nicht erlaubt und der Tag ist zu grau für die Terrasse. Ich gehe weiter.

Ian bleibt zurück, unter den Trümmern.

8 Isabell

Es ist verworren, ihr Haar. Sie streicht es gedankenverloren nach hinten, immer wieder, kämmt mit den Fingern mal mehr nach rechts, mal mehr nach links, die Strähnen sammeln sich, streben auseinander, lassen sich fallen, kommen zusammen, klemmen am Ohr fest, befreien sich, ruhen auf den Schultern, sie hat unglaublich schöne Schultern, ganz grazil, ich sehe die Knochen unter ihrer pastellfarbenen Haut und frage mich, woher ich wissen will, ob sie wirklich gedankenverloren ist, denn ich sehe sie ja von hinten. Wir sitzen im Hörsaal, ich drei Reihen hinter ihr, sie entfernter vom Ausgang, ich näher dran, wie immer. Weiter außen gleich schneller draußen.

Ihr Haar ist schwarz auf eine Art, die ich gar nicht recht erfassen kann. An irgendetwas erinnert es mich, nur komme ich nicht darauf. Die Katze meiner Großmutter, deren Fell in der Sonne glänzte wenn sie durch den Garten strich oder die schwarze Tinte, die Susanne auf unserem Platz auskippte wenn die Lehrerin nicht hinsah und auf die ich mega neidisch war, weil ich immer bloß blaue Tinte hatte oder die Oberfläche der Küchentheke bei dieser einen Freundin meiner Mutter, die wir ein einziges Mal besuchten, weil die beiden sich jahrelang nicht gesehen hatten und den Kontakt von Neuem aufleben lassen wollten, aber es ihnen letztlich nicht gelang, vielleicht weil die Freundin eine pechschwarze Hochglanzküche hatte und wir nur die eierschalenfarbene Einbauküche, die beim Einzug in der Neubauwohnung eh drin gewesen war. Ich hatte den Ausdruck gesehen, mit dem meine Mutter die Wohnung der Freundin taxiert hatte, abschätzig und verächtlich aus einer Demütigung heraus, die sie sich vermutlich im Anschluss kein zweites Mal geben wollte. Doch das war nicht der Farbton, kein Zweifel, es war das Schwarz der Katze. Keine Katze, ein Kater. Corvo hatte er geheißen und während er überfahren auf der Straße lag, beschien strahlendes Sonnenlicht sein Fell und erzeugte diese Nuance, die mich die Bitternis kaum aushalten ließ, darüber, dass irgendein Idiot mit seinem hässlichen Auto dieses wunderschöne Tier totgefahren hatte und dass wir den Glanz in diesem Fell bald nie mehr sehen würden. Die auf dem Asphalt geformte Schwesternschaft von Tod und Schönheit ließ mich erschaudern und straucheln. Ich brauchte Tage, um mich davon zu erholen und die Welt wieder als etwas einigermaßen Annehmbares zu akzeptieren. Die Erinnerung an das so lebendig schwarzglänzende Fell an einem toten Leib verblasste irgendwann, und nun war sie aufs Neue da, in diesem Hörsaal, drei Reihen vor mir, entfernter vom Ausgang. Die Frau dazu war am Leben und mit einer enormen Heftigkeit überkam mich der Wunsch, ihr nahe zu sein.

Doch wie sollte das gehen.

9 Morten

Ich bin auf einer Gartenfeier, es ist viel los und trotzdem überschaubar, hier die Frauen, dort die Männer, sortenrein aufgeteilt. Die Klappstühle aus Plaste sind unbequem, die Bierbänke ebenso, mein Hintern stört sich an seinen eigenen Knochen. Es gibt ein Buffet mit Salaten und Muffins und gefüllten Blätterteigtaschen, dazu keine Tische und auch nicht genug Geschirr. Auf dem Boden zwischen meinen Füßen steht ein Pappbecher und auf den Knien balanciere ich einen zum Teller umfunktionierten giftgrünen Silikondeckel, keine Ahnung, ob ich jemals herausfinden werde, zu welcher Schüssel er gehört. Von dem Alter, in dem man seinen eigenen Namen auf Mitnehmgeschirr schreibt oder druckt, sind wir alle noch weit genug entfernt. Dennoch empfinde ich ein Unbehagen, das nicht vom Druckschmerz in meinem Gesäßbereich herrührt.

Aus oben genannter Geschlechtszugehörigkeit heraus sitze ich in der Nähe der Frauen, allerdings ohne wirklich dabei zu sein. Ich komme einfach nicht rein ins Gespräch. Die eine, die ich nicht kenne, erzählt der anderen, die ich nicht kenne, gerade von Grey’s Anatomy. Da bemerke ich es, die beiden sind deutlich älter als ich, die ganze Gartenfeier ist älter, nicht Namen-auf-Schüsseln-schreib- älter, aber ich-überlege-mir-langsam-wo-ich-hinwill-älter und ich bereue, hingegangen zu sein, denn dabei zu sein und nicht reinzukommen ist weitaus schlimmer als nicht dabei zu sein. Ich habe keinen Schimmer, wo ich mal hin will und was Grey’s Anatomy sein könnte, ich grüble noch, in dem Moment schimmert es mir dunkelblond vor Augen, eine anatomische Auffälligkeit schiebt sich in mein Sichtfeld, bei der ich an alles, nicht aber an Grau denke. Zuerst bin ich irritiert, dass eine Frau solch einen Körper haben kann, langgestreckt, schmal in den Hüften, nach oben hin breiter, herrgott, das ist ein Mann, einer, der sich frech zwischen die Frauen gemogelt hat, weiß der denn nicht, wie es hier läuft! Mein Hirn hat die Aufteilung offensichtlich unhinterfragt übernommen, es müht sich ab, aus der unwahrscheinlich großen, maskulinen Frau einen immer noch relativ großen, athletischen Mann zu formen. Die Länge des zuvor erwähnten dunkelblonden Haupthaares stellt einen weiteren Störfaktor dar, sie ist enorm. Langer Mann, lange Haare, ich werde den giftgrünen Deckelteller los, trinke einen Beruhigungsschluck aus meinem leeren Pappbecher und warte, dass der Typ sich umdreht, da registriere ich eine Erschütterung, ein kleiner Hüpfer, huch und auf einmal sitzt ein anderer Mann neben mir auf der Bierbank. Hi, grüßt er völlig unvermittelt und lächelt mich an, ohne Zähne, aber breit. Hi, entweicht es mir und daraufhin reicht er mir die Hand, die ich schüttle, jedoch erst nachdem ich den Pappbecher abgestellt habe, obwohl das unnötig war, ich hab ja eigentlich zwei Hände. Ich bin Tom, stellt er sich vor, ich bin Malina, stelle ich mich vor und dann nehme ich den Pappbecher wieder auf und riskiere einen Blick in Richtung der langen Haare. Weg. Scheiße.

Tom verwickelt mich in ein Gespräch wie man es eben so tut und wir reden über unsere Studiengänge, was halbwegs funktioniert, weil sie sich ähneln, er Lehramt, ich Sozialpädagogik, aber auch nicht ganz so gut, weil er seit kurzem fertig ist und ich erst angefangen habe. Darauf, mir erklären zu lassen, wo der Hase lang läuft, habe ich mäßig Lust und muss deswegen irgendwann sehr dringend aufs Klo. Auf dem Weg dahin entdecke ich die markante Mähne, mittlerweile locker zusammengebunden, und der Harndrang ist umgehend verschwunden. Zwischen Biertischgarnituren, Kleinkindern und Stapeln von Grillgut bahne ich mir im Slalom meinen Weg, um schlussendlich maximal unauffällig an einem Baumstamm, vielleicht einer Birke, zu lehnen. Davor ist ein Bierkasten drapiert, von dem ich annehme, dass der auffallend große Mann mit dem aufregend langen Haar diesen aufsuchen wird, weil er eine leere Bierflasche in der Hand hält. Das Setting ist nicht maximal unauffällig, sondern maximal künstlich und ich höre Susannes Stimme in meinem Ohr, es wäre doch mal Zeit, sich zu emanzipieren und die Typen selbst anzusprechen, anstatt immer nur gefunden zu werden, man sei ja schließlich kein Osterei!

Doch Susanne ist weit weg, in Leipzig, und ich schaffe es nicht raus aus dem Körbchen. So stehe ich da und präsentiere mich maximal ansprechbar. Ich stelle mir vor, wie ein Schleifchen um mich herumgebunden ist und der Typ naht, entdeckt mich und löst das Schleifchen, packt mich aus, ich bin ein Schokoladenei, kein hartgekochtes Ei, das man schälen muss, das unangenehm riecht und das man allein aus Pflichtgefühl isst, sondern ein verlockendes, kleines, in goldenes Glitzerpapier verpacktes Schokoei und er knibbelt eine kleine Öffnung ins Papier, zupft es sanft von meiner schokoladenen Oberfläche ab und endlich liege ich da, bar und nackt und er darf mich lutschen oder überdies ein bisschen knabbern, aber es wird dauern, bis ich ganz geschmolzen bin, denn ich will nicht mehr raus aus seiner Mundhöhle, ich setze mich zwischen seinen Zähnen fest, zwischen Wange und Zahnfleisch, an der geriffelten Stelle am Gaumen. Er kann nicht mehr aufhören, mich zu schmecken, ich bin ein Teil von ihm geworden.

Und dann spricht er mich an, also real. Die ganze Planung ist aufgegangen, seine Flasche war leer, deswegen wollte er eine neue und die alte entsorgen, er schlendert zum Bierkasten und da stehe ich, er kann gar nicht anders, er muss ja mit mir reden, alles andere wäre schräg! Bevor ich darüber nachdenken kann, ob das eigentlich eine geeignete Art ist herauszufinden, wer einen wirklich aufrichtig interessant findet, hat er die leere Bierflasche verstaut und zwei volle aus dem Kasten geholt, um die eine mit der anderen zwischen seinen Schenkeln zu öffnen. Er reicht mir die Flasche mit dem abgesprengten Verschluss und öffnet sich mit der bewährten Methode unter Zuhilfenahme einer weiteren Flasche sein eigenes Bier. Ich habe noch nie jemanden auf diese Weise eine Bierflasche öffnen sehen und wir stoßen unsere Flaschen aneinander, es klirrt und wir lachen uns an, mit Zähnen.

Keine halbe Stunde später sitzen wir in der Straßenbahn und sind auf dem Weg zu ihm. Schon auf den schwarz-gelben Stoffbezügen legen wir los und fummeln aneinander rum. Ich bereue indes, die Toilette nicht noch aufgesucht zu haben, denn der Harndrang ist schlagartig akut. Im Unterleib fehlt mir der Stauraum für die ganzen Empfindungen, Muskelkontraktionen und Säfte. Morten hat sich mit seinem stattlichen Oberkörper über mich gelehnt, meine Stirn sucht Halt in seiner Halsbeuge und meine Lenden streben nach oben, ihm entgegen, seinen langen Fingern entgegen, die sanft Druck auf meinen Venushügel ausüben, tiefer wandern, über der Hose zwar, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es sinnlicher noch werden könnte. Ich drehe halb durch vor Erregung, der Stoff meiner Hose stellt kaum noch eine Barriere dar. Von jetzt auf gleich spüre ich mein längst durchnässtes Höschen, es liefert die Jeans dem Meer der Unbeherrschtheit aus, welches sich hemmungslos aus mir ergießt. Zwischen meinen Schenkeln pulsiert es und ich stelle mir vor, wie Welle um Welle einer süßlichen Flüssigkeit aus mir herausläuft und erst meine Hose, nachfolgend Mortens Finger und am Ende die ganze Straßenbahn umspült. Ein Salzwassersee, ein Süßwassermeer, zu früh, zu früh, ich muss mich halt zusammenreißen, nur wie macht man das nochmal. Es ist amtlich, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Ich kannte Erregung, das natürlich, dabei hatte ich dennoch immer die Gewissheit, es im Griff zu haben, einen Pausenknopf drücken zu können, wenn etwa meine Mutter klopfen würde oder der Paketbote käme, während ich auf ein wichtiges Paket wartete. Ich könnte Pause drücken, mir etwas überwerfen, ins Treppenhaus flitzen, höflich das Paket entgegennehmen, die Treppe wieder hochsteigen, das Paket ablegen, das mir Übergeworfene ablegen, in den Laken landen, Play betätigen und weiter ginge es, mit Matze oder mit Ian oder mit mir selbst. Aber er hier ist Morten und in einer Straßenbahn kommen keine Pakete, doch wenn ich nicht aufpasse, komme ich und das gilt es, um jeden Preis zu vermeiden, denn ich weiß nicht, ob es später ein weiteres Mal klappt. Also presse ich die Lippen aufeinander, nehme ein paar tiefe Atemzüge und denke an überfahrene Katzen. Morten scheint zu ahnen, was bei mir los ist, denn er lehnt sich ein Stück weg und studiert mit dem gewonnenen Abstand aufmerksam mein Gesicht. Er sieht erst ziemlich ernst und konzentriert aus, man könnte meinen, es sei für ihn ein Job, mich in Fahrt zu bringen, dann lockern sich seine Züge und er schmunzelt mich an, mir zu, wie man das auch sehen will, er ist auf meiner Seite. Ohne Worte lässt er völlig ab von mir, sitzt aufrecht und akkurat auf seinem Sitzplatz nebenan als wären wir zwei Schulkinder, die den Heimweg teilen, dabei jedoch zu schüchtern sind, miteinander zu reden. Ich muss grinsen, spiele mit und schaue nach vorn, wir schauen beide demonstrativ nach vorn, legen die Hände in den Schoß und ich fange an, zu trocknen. So fahren wir noch sechs Stationen. An der siebten greift er völlig selbstverständlich meine Hand und geleitet mich zum Ausgang. Wir steigen aus, weiterhin kein Wort, und laufen die Straße entlang, die mir völlig unbekannt ist. Ich bin mir nicht einmal sicher ob des Stadtteils. Aber Morten hält mich an der Hand, es ist völlig klar, dass er mich sicher dahin führen wird, wo ich hingehöre.

Seine Wohnung unter dem Dach ist klein, trotzdem fühle ich mich sofort wohl. Es riecht nach Vanille und zwischen den breiten Dielen sind tiefe, dunkle Fugen, die Geschichten erzählen. Ich bin nun ein Teil davon. Undenkbar, dass ich in diesen Räumen nicht schon seit Ewigkeiten wohne. Morten schließt die Tür hinter uns und schiebt mich an den Hüften durch den länglichen Flur. In kleinen Tippelschritten versuche ich, es geschehen zu lassen und dabei nicht an einer Dielenkante hängenzubleiben und auf immerdar in einer schwarzen Fuge zu verschwinden. Das wäre verdammt schade. Zwar wäre ich auf dem Wege wahrhaftig ein Teil dieser Wohnung, aber Morten würde andere Frauen über mir entlang schieben und das passt mir gar nicht. Ich will wissen, was dieser Mann jetzt mit mir macht, mit mir allein.

Doch da ist noch dieses Problem. In keinem Kinofilm der Welt würde es auftreten, denke ich mir, wobei das wahrscheinlich nicht mal stimmt, ich kenne lediglich nicht allzu viele Kinofilme. In die deutschen und französischen und israelisch-italienisch-turkmenischen Produktionen, die das Programmkino bei mir um die Ecke zeigt, traue ich mich noch nicht rein. Ich habe Angst vor der Verschwendung von Lebenszeit, halte mich außerdem für zu mittelmäßig für diese Filme, da gehen bestimmt ausnahmslos Leute rein, die Philosophie studieren oder die Welt verstanden haben oder die es ausdrücklich geil finden, die Welt nicht zu verstehen. Ich würde die Welt gern verstehen, erlebe mich allerdings wie ein Schüler mit Leserechtschreibschwäche beim Lauten Vorlesen in Deutsch. Ich bin der Zweitklässler, dem noch keiner gesagt hat, dass eine LRS vorliegt. Dieser Zweitklässler meldet sich also fleißig zum Vorlesen, ist mit Begeisterung dabei und versagt, wieder und wieder. Die Lehrerin verzweifelt, die Mitschüler kichern. Das setzt sich fort, bis der einstige Zweitklässler als frustrierter Viertklässler endet. Der Viertklässler hat die Angst vor dem Versagen in Lustlosigkeit umgewandelt und verweigert ab sofort. So weit bin ich noch nicht, ich will ja noch, aber kann ich auch, das ist die Frage. Womöglich bräuchte ich eine tiefere Ursache für Weltschmerz und den Drang zu Grübelei, eine alkoholkranke Mutter etwa oder irgendetwas mit Gewalt oder auch Migration oder wenigstens mit zwölf rausgefunden zu haben, dass ich adoptiert worden bin. Irgendwas! Aber nichts davon gibt mein Leben her. Gähnende Leere. Alles normal. Geht es allen so oder bin ich wenigstens einzigartig im akzentuierten Abkotzen darüber. Bin ich besonders, bin ich es nicht, in jedem Falle bin ich jetzt und hier bei einem besonderen Mann und muss aus Hollywood Paris machen, einen ehrlichen Film drehen, eine verstörend klare Sicht auf die Alltäglichkeit der Leidenschaften bla bla bla und ich sage daher, warte noch, ich muss mal, sorry für das Timing Punkt Punkt Punkt, ein bübisches Lächeln, von ihm, nicht von mir, als wäre es doch Hollywood, öffnet er beiläufig eine angelehnte Tür rechterhand, befördert mich behutsam dort hinein, betätigt den Lichtschalter und schließt von außen die Tür.

Ich bin allein. Allein im Raum, zu zweit in der Wohnung, seiner Wohnung, der Lichtschalter war der Pausenknopf und mir wird gewahr, welch ein Geschenk mir hier gemacht wurde vom Leben, ich bin mitten in einer aufregenden Szene, durch die ich nicht kopflos hindurch muss, jedenfalls nicht durchgängig. Jetzt und hier kann ich einatmen und ausatmen und aus mir rausgehen und auf mich drauf blicken und mir sagen, ja man, dafür bist du jung, es ist so schön!

Und dann mache ich es kaputt. Ich gehe nicht richtig aus mir raus, sondern stecke in mir fest, ich bekomme auf einmal Schiss, er könnte mich beim Toilettengang hören, das Plätschern, den Strahl und ich muss derartig doll, die Geräusche werden endlos lange zu hören sein. Ein ewiges Ergießen. Das ist kein bisschen sexy, ich werde klingen wie eine Elefantenkuh und er wird sich an seine Ausflüge aus Kindertagen in den Zoo erinnern, an die mit Staub bedeckten grauen Dickhäuter, die man sicher gut fand, aber eher im Sinne von drollig, nicht im Sinne von anmutig oder schön wie die Giraffen oder Panther. Malina, du bist mein zartes Mädchen, hat meine Mutter mir im Zoo immer gesagt, du erinnerst mich an die Gazellen und ich möchte gerade so sehr eine Gazelle sein und so sehr keine Elefantenkuh, da stellt Morten irgendwo in dieser kleinen Bleibe die Musik an und er stellt sie so laut an und diese Bleibe ist so klein, dass alle anderen Geräusche verschluckt werden. Die Musik dreht auf, ich drehe auf, Wasser Marsch und geschafft, verlasse das Bad gelöst, gelockert, erleichtert, entkrampft, entleert, ein Bullshitbingo der Zustände und Fortsetzung folgt, Morten steht bereit und geleitet mich weiter.

Wir landen in einem miniaturkleinen Raum, der von dem Bett darin beinahe gänzlich ausgefüllt wird. Morten positioniert mich davor und bedeutet mir mit sanftem Druck auf die Hüfte eine Drehung an. Ich wende mich ihm zu und blicke auf nichts als seine Brust, ich wage nicht, hochzuschauen. Unbewegt vergehen ein oder zwei flache Atemzüge und ich wage es doch, sehe hoch und er sieht hinunter und wir uns unmissverständlich in die Augen. Sein stahlblauer Blick trifft mich und von nun an bin ich wächsern. Morten nimmt mein Gesicht in seine Hände, beugt sich zu mir herab und legt die Lippen sanft auf meine, grüßend, lockend, einladend. Ich bin sowas von bereit und öffne den Mund, allerdings strebt seine Zunge nicht hinein, mit seinen Lippen umschließt er meine Oberlippe und fängt an zu knabbern, zupft mit seinen Vorderzähnen ganz vorsichtig das zarte Fleisch, spielt und neckt, gleitet dann mit der Zungenspitze über die irritierte Haut, entschuldigend, liebevoll, schiebt seine Zunge in den Raum zwischen meinen Zähnen und der Innenseite meiner Lippe und leckt mir das Zahnfleisch, das Lippenbändchen. Dort ist wenig Platz und in der Enge scheint es mir, seine Zunge breitet sich immer weiter aus, stößt an alle Wände, überschreitet alle Grenzen, füllt meinen Mundvorhof irgendwann gänzlich aus und darüber hinaus ist nichts anderes mehr, alles öffnet sich für ihn, da begegnen sich unsere Zungen und winden sich ineinander, ringen und schlingen und schlängeln und rangeln. Morten verschluckt mich und spuckt mich wieder aus, er wirft mich auf das Bett, löst den Knopf meiner Hose und zerrt sie mir von den Beinen, drückt mir die Knie auseinander und vergräbt sein Haupt zwischen meinen Schenkeln. Seine Haare haben sich längst aus dem lockeren Zopf gelöst, mit dem ich ihn kennengelernt habe, sie kitzeln mich, reizen die Stoppeln meiner letzten Rasur, was nicht angenehm ist, trotzdem bin ich heilfroh, mich in den letzten Tagen überhaupt rasiert zu haben, da. Ich würde gern mehr rasieren, vielleicht alles, aber ich traue mich nicht so recht, was wenn ich mich verletze, was wenn es mich bedürftig aussehen lässt oder unmoralisch. Ich möchte nicht aussehen wie ein kleines Mädchen, möchte nicht den Eindruck erwecken, noch einmal zwölf sein zu wollen, doch im Grunde weiß ich, dass ich es früher oder später tun werde, denn ich möchte ganz nackt sein.

Noch bin ich es nicht, Morten störts nicht weiter. Er leckt mein Höschen und die Haarspitzen drücken von innen gegen den Stoff, innen das Schamhaar, außen Mortens Zunge, dazwischen nur der dünne Stoff, porös, nichts als eine fadenscheinige Verpackung. Morten erhöht den Druck, ich kriege alles mit. Er zieht mit Daumen und Zeigefinger das Höschen in die Länge, es wird schmal und fest und rutscht mir zwischen die Schamlippen, wird vielleicht nie wieder zum Vorschein kommen, die Männerzunge leckt über die freigelegten Labien, während der Slip mich darunter einschneidet, ich stöhne auf vor Entzücken. Es ist nicht angenehm, aber atemberaubend. Mortens rechte Hand zieht weiter den Stoff und meine Scham entzwei, seine linke Hand wandert nach oben unter mein Shirt, schiebt sich unter meinen BH, ruht auf meiner Brust, als wolle sie das dafür vorgesehene Körbchen ersetzen. Aus dem Nichts ein grunzender Laut, die Männerhand schnellt nach oben und zerrt mit einem Ruck an meinem Shirt mitsamt dem BH. Ohne den Verschluss zu öffnen, zieht Morten mir einfach alles über den Kopf und ich bin bar und blank, liege befreit unter ihm und sehe, auf welche Weise er mich betrachtet, meine Brüste, die nicht groß sind, doch rund und fest und prall mit rosigen, kleinen Brustwarzen, die mir gefallen, weil sie ebenmäßig sind, prächtiges Mittelmaß, überschaubar, nicht zu ausladend, vielmehr einladend und so präsentiere ich mich ihm stolz. Auch er wirkt zufrieden, ein seliges Lächeln, er richtet sich auf und ich spüre seine Hoden, sie kitzeln meinen Damm. Morten legt sein steifes Glied auf meinem Unterbauch ab, die Erwartung bringt mich um den Verstand, ich wimmere, und schließlich zieht er den Schwanz langsam und bedacht über meinem Venushügel entlang, weiter, Eichel auf Kitzler, weiter, nur noch wenige Zentimeter, und dringt endlich in mich ein. Ein Seufzer der Erleichterung löst mich gänzlich und unverzüglich suchen wir ihn, den ersten gemeinsamen Rhythmus. Mortens behutsame Schübe werden zu Stößen und jeder einzelne Stoß wird begleitet von einem kehligen Laut, Morten stöhnt mit Hingabe und ein Bild taucht in mir auf, ein Bär, der eine Menschenfrau vögelt, mitten im Wald. Mir ist klar, dass das eine verdammt unartige Vorstellung ist, eben das macht sie aus. Es kann nicht dreckig genug zugehen in meinem Kopfkino in solch einem Moment. Zu jedem anderen Zeitpunkt würde ich mich angeekelt abwenden, unmoralisch, unvertretbar, seid ihr abartig oder was. Doch wenn es darum geht, beim Sex die eigene Lust auf die Spitze zu treiben, ist jedes Mittel recht.

Hier und jetzt allerdings möchte ich noch nicht die Spitze erklimmen, die im selben Zuge das Ende markiert und löse mich von der Fantasie. Ich bin ganz in Mortens Bett, nehme das längst verrutschte Laken unter mir wahr, mein verfitztes Haar zwischen Kissen und Nacken, die Feuchtigkeit auf meiner Haut, Schweiß in meinem Auge, Morten beginnt zu tropfen. Er reißt mir das Kissen unter dem Kopf weg und dreht mich auf den Bauch, nun nimmt er mich von hinten. Was für eine seltsame Formulierung, genommen werden und hatte ich in der Vergangenheit beim Sex zwischendurch immer Phasen gehabt, in denen ich über Derartiges sinnieren konnte, so ist das gegenwärtig absolut unmöglich. Meinen die Leute etwa diesen Zustand, wenn sie davon sprechen, dass ihnen das Hirn weggevögelt wurde, spricht generell jemand darüber, gibt es das bloß in Pornobeschreibungen, ich weiß es nicht, ich weiß gar nichts mehr, mein Hintern klatscht an Mortens Lenden, ich bin zierlich, allzu viel Speck ist da nicht, doch Morten weiß, wie es geht, er weiß noch was, er weiß mich zu bedienen, es klatscht und klatscht und ich geile mich an dem Geräusch auf, heute brauche ich keine Fantasie, das ist mir ja noch nie passiert, ein kaum auszuhaltendes Flattern, immer tiefer und enger und nur noch das, sonst nichts mehr, zuletzt aus dem Nichts ein Beben, Zerstörung, Erlösung, ich krampfe noch ein paar Mal, Morten lässt es geschehen mit dem Schwanz in mir, dann zieht er ihn raus, dreht mich erneut auf den Rücken und dringt nochmal in mich ein, langsam und ich sauge ihn an und ein, ziehe meinen ganzen Beckenboden zusammen, oh ja, hol es mir raus, seine ersten Worte, und ich hole es aus ihm raus, spanne rhythmisch an und lasse locker, ich habe sowas nie zuvor getan, es kommt einfach über mich, eine Idee oder ist es ein inneres Programm, das seinen Zweck erfüllt, sind wir beide bloß Bären im Wald oder Morten und Malina, wen kümmert es, er kommt. Er zieht den Schwanz in letzter Sekunde aus mir heraus und spritzt ab, der Großteil landet auf meinen Bauch, einige Ausläufer verirren sich zu meinem Kinn und am Ende liege ich da, besudelt und beglückt und würde es gern auskosten, bedauerlicherweise schlafe ich auf der Stelle ein.

Schwer zu sagen wann, einige Minuten, Stunden oder ein ganzes Leben später werde ich wach und finde mich in Morten verschlungen wieder. Auf der Stelle. Mir ist, als hätte ich den Fernseher angeschaltet und wäre mitten im Film gelandet, gerade noch war alles schwarz und auf einmal ist alles da, zack. Da liegst du in einem fremden Bett mit einem großen, wunderschönen Mann, unter ihm, über ihm, neben ihm, mit ihm. Da liegst du da, da lieg ich da, ich liege da und das ist meine Wirklichkeit, kein Film. Ich sehe, fühle, rieche alles so intensiv wie nach Jahren im Tiefschlaf und man könnte glauben, ich nähme jedes Detail dieser Welt zum ersten Mal wahr. So muss es sein, geboren zu werden. Erst ist über Wochen und Monate alles dunkel und warm und vertraut und unversehens gibt es ein großes Beben und man ist vom Drinnen ins Draußen geraten und kehrt niemals mehr zurück. Ich höre Mortens Herzschlag, mein Ohr an seiner Brust, ein ruhiger Rhythmus, der sich auf mich zu übertragen scheint. Morten hat kein Brusthaar, mein Ohr liegt unmittelbar auf seiner glatten Haut, nichts trennt uns. Ich bin die Wächterin über sein Herz, pock pock, pock pock, pock pock. Morten atmet in gleichmäßigen Zügen, gelegentlich mischt sich ein Raunen aus seiner Kehle hinzu, ein leises Schnarchen. Die Klänge seiner Lebendigkeit vermischen sich und machen mir auf unwiederbringliche Weise bewusst, dass ich selbst am Leben bin. Ich möchte die ganze Nacht wach bleiben, um diesen Widerhall zu bewahren. Ich ahne bereits, dass ich das derart nie wieder spüren werde.

Doch dann spüre ich ebenso, dass ich mal wieder aufs Klo muss. Oh die Banalität des Lebens. Langsam schäle ich mich unter Mortens Körper hervor. Ich hebe seinen Unterarm an und er ist schwer von den Muskeln darin. In mich fährt der Impuls, zuzudrücken so fest ich kann, vielleicht um zu prüfen, wie stark ich sein kann, womöglich jedoch auch um in Anschluss nie mehr loszulassen. Dieser Unterarm könnte ein Bezugspunkt sein, eine Festigkeit in der schwimmenden Welt, der Mast, an den ich mich im Sturm binde und der meine Segel trägt, auf zu neuen Ufern. Da zuckt Morten und ich lasse los, aus Angst, er könne wach werden und was sollte ich denn sagen, warum ich seinen Arm festhalte. Jäh durchzuckt mich die Mahnung, dass er ein Fremder ist, erst vor wenigen Stunden haben wir uns auf der Gartenparty kennengelernt, er kennt mich nicht. Ich möchte nicht wunderlich erscheinen und tappe durch die Dunkelheit auf der Suche nach der Toilette. In der Enge der Wohnung und mit dem vorhandenen Vorwissen ist dies eine machbare Aufgabe und so sitze ich nackt auf der Klobrille bei halb geöffneter Tür, weil der Lichtschalter auf einmal nicht mehr funktioniert. Ich leere mich vollständig aus damit ich mir keine Blasenentzündung einfange, ich habe da was gelesen, und bleibe noch länger sitzen, weil die Schwerkraft nichts anderes zulässt.

Später werde ich mich darüber wundern, in dieser Situation allein an Blasenentzündungen gedacht zu haben, und mit keiner Faser daran, dass wir kein Kondom benutzt haben und was das noch alles bedeuten könnte. Sonderbar. Sowieso, sonderbar ist es, nackt auf der Toilette zu sitzen, etwas fehlt, irgendein Kleidungsstück, das man heruntergezogen hat, eine Art Verbindung zur zivilisierten Welt, in der man fein angezogen durch die Gegend spaziert, unbehelligt von der unbequemen Wahrheit, dass jeder Mensch, absolut ausnahmslos jeder, pisst und kackt. Pisst und kackt. Allein beim Denken dieser Wörter fühle ich mich schmutzig und ersetze sie eilig durch klein und groß. Ich muss mal klein, ich muss mal groß, so habe ich es gelernt.

Als Kind hing ich oft länger als nötig im Bad herum und malte mir Zeiten aus, in denen es noch Menschen gab, die wertvoller waren als der Rest. Ich grübelte, ob es für solch erlesen edle Erdenbürger, also etwa Könige und Königinnen, nicht beschämend gewesen sein muss, sich zu entleeren wie das einfache Volk. Ich meinte damit nicht die Royals, deren Hochzeiten im Fernsehen übertragen wurden und werden, Königinnen und Prinzen zwar, letztlich trotzdem bloß Aushängeschilder mit großen Hüten oder bessere Promis, noch umweht vom Hauch des Epochalen, aber eben einem von vorgestern. Mir ging es um eine absolute Königin, ausgestattet mit allen Insignien der Macht, Entscheiderin über Gold und Ehren und Leben und Tod und doch heruntergerissen auf Bodenniveau durch die simple Tatsache, einen Darm zu haben. Wie gern wäre ich diese Königin gewesen und ich hätte einen Weg gefunden, jede irdische Schmach zu überwinden und die Größte von allen zu werden, die Reinste. Sonderbar.

Ein sonderbares Kind bin ich gewesen, denke ich, und versteh mich doch, als ich bemerke, dass trotz des langen Sitzens untenrum alles noch nass ist. Ich nehme zwei Blättchen Toilettenpapier, die nicht im Ansatz reichen und rupfe so lange an der Rolle, bis ich eine stattliche Menge zu einem saugfähigen Ball geformt hab, der mich endlich hinreichend zu trocknen vermag. Die Zufriedenheit weicht schnell einem Schock, da die Toilettenspülung die Menge an Papier nicht bewältigt. Ich wäge ab. Mehrfach spülen mit dem Risiko, Morten zu wecken und außerdem wahrlich wunderlich wirken. Oder es einfach lassen, lautlos ins Bett lümmeln und hoffen, der Zellstoffball möge sich auflösen und am Morgen leichter wegspülbar sein. Betritt er, also Morten, jedoch vor mir das Bad, könnte er es bemerken. Vielleicht ist er in dem Fall ausreichend verschlafen, dass er gar nicht in die Toilette schaut. Schaue ich in die Toilette, bevor ich mich drauf setze? Manchmal, aber morgens bestimmt nicht. Er bestimmt auch nicht. Herje, warum nur ist das alles so kompliziert. Es ist doch nur ein Mann. Es ist doch nur ein Klo. Nur ein Mann. Nur ein Klo. Es ist doch nur ein Mann und das Klo dieses Mannes und ich will diesen Mann. Diesem Mann gefallen. Ich zerdenke es alles reichlich und schleiche zurück ins Schlafzimmer.

Dort liegt er weiterhin, wie ich ihn hinterlassen habe, auf dem Bauch, die Beine leicht abgespreizt. Man könnte ihn mit Kreide umrahmen und er würde eine passable Tatortsilhouette abgeben. Wäre er nicht mehr als eine zweidimensionale Umrandung, würde mir allerdings einiges entgehen. Sein Hintern wölbt sich dekorativ in den Raum hinein, kleine Schatten an unterschiedlichen Stellen, Kuhlen und Erhebungen, ein muskulöser Körper, hierbei ohne die Aura der Verbissenheit, bescheiden schön. Ein Hoch auf die Dreidimensionalität. Sein Haupt liegt seitlich auf dem Kissen, die Arme angewinkelt, er erinnert mich an ein Kind, ein friedliches, unschuldiges Kind im Körper eines erwachsenen Mannes, wie in diesen Kinofilmen, in denen Persönlichkeit und Körper getauscht werden oder ein Achtjähriger plötzlich dreißig ist. Ich möchte ihn streicheln und wiegen, ihm ein Lied vorsingen, ihm dabei in den Arsch beißen, bis er schreit. Ich will, dass er seine metallenen Augen aufreißt und bereit ist, für mich. Mich erfasst eine frische Welle der Lust und ich hadere, ob ich ihn wecken sollte, damit wir es ein weiteres Mal treiben. Darf man das, ist es erlaubt, da leuchtet das Display meines Handys auf, das ich an den äußersten Rand des Bettes gelegt habe in Ermangelung eines Nachttisches. Das ist mindestens merkwürdig, ich schnappe es mir vorsichtig, entsperre und sehe eine Nachricht.

Guten Morgen Malina, wünsche dir einen schönen Tag, freue mich auf ein Treffen, Tom. Tom. Mein Hirn wühlt in den Erinnerungen des letzten Abends und ich höre mich selbst beim Diktieren einer Handynummer, sehe, wie Tom sie eintippt in sein Nokia 6230. Ich war ihm nochmal begegnet, zwischen dem Biertrinken mit Morten und unserem Aufbruch von der Party. Morten hatte noch seine Jacke geholt, ich stand unbewacht rum und was hätte ich denn sagen sollen.

10 Tom

Wir stehen um sechs Uhr auf.

Tom kocht den Kaffee und den Tee. Ich befülle die Brotdosen.

Halb sieben werden die Kinder wach. Wenn nicht, müssen wir sie wecken.

Ich putze ihre Zähne, kämme ihre Haare, flechte ihre Zöpfe, creme ihre Gesichter.

Tom duscht und zieht sich an. Ich dränge die Kinder dazu, sich anzuziehen.

Sieben Uhr verlässt Tom mit den Kindern das Haus. Ich putze meine Zähne, kämme meine Haare, ziehe mich an. Viertel acht verlasse ich das Haus. Ich fahre mit dem Fahrrad ins Büro.

Ich arbeite. In der Mittagspause gehe ich manchmal zum Yoga. Oft nicht. Um vier Uhr nachmittags hole ich die Kinder vom Kindergarten ab.

Wir gehen auf einen Spielplatz oder zum Turnen oder in die Musikschule.

Um sechs Uhr sind wir wieder zuhause und ich bade die Kinder.

Tom kocht das Abendbrot. Halb sieben essen wir Abendbrot und die Kinder erzählen von ihrem Tag.

Um sieben befüllt Tom den Geschirrspüler. Ich dränge die Kinder dazu, sich auszuziehen.

Ich putze die Zähne der Kinder, löse ihre Zöpfe, creme ihre Gesichter. Wir lesen und singen den Kindern vor. Die Große schläft ein.

Der Kleine ruft so lange bis ich mich neben ihn lege. Halb acht setzt Tom sich an seine Vorbereitungen und Korrekturen.

Um acht räume ich auf und packe meine Tasche. Oft erst um neun. Manchmal zehn.

Halb elf dusche ich. Um elf gehe ich ins Bett. Manchmal kommt Tom mit. Oft nicht.

Um sechs stehen wir auf. Tom kocht den Kaffee und Tee. Ich befülle die Brotdosen.

11 David

Ich will kein Arschloch sein. Ich darf kein Arschloch sein. Ich bin ja ein netter Mensch. Und kein Arschloch. Ich bin nett.

Ich wundere mich über mein inneres Werkeln, die Vorzüge und Verluste werden mit vorzüglicher Lust abgewogen und abgezogen und abgewägt und abgesägt und zusammengeklebt und mit Sandpapier geschmirgelt wie im Werkunterricht der Grundschule und auch da war am Ende mein Werkstück immer zu klein geworden und so auch heute. Es ist zu klein, ich bin zu klein, doch zuvorderst möchte ich kein Arschloch sein. Was treibt mich an? Langeweile? Rache? Oder ist es angesichts seines schönen Angesichts?

Womöglich will ich einfach nur mal wieder ein wenig Wildheit. Welch widerliche Wahrheit, früher war ich wild und witzig und dann bekam ich Kinder. Das denke ich manchmal, wirklich. Doch die Wahrheit ist nicht nur widerlich, sie ist wirr und wackelig wie Noahs Zahn, den er heute Morgen gesucht hat. Mama, wo ist mein Wackelzahn. Guten Morgen, der Herr! Gutenmorgenmama, wo ist mein Wackelzahn! Wir haben die Dose gesucht und schließlich auch gefunden, der Sohn war dennoch untröstlich ob der Erkenntnis, dass dort alle Wackelzähne aufbewahrt werden, inklusive die seiner Schwester, deren Relevanz er irgendwo knapp unter null einordnet. Warum habt ihr die nicht einzeln aufbewahrt, schnarrt es. Das Leben mit zwei Kleinkindern kann etwas unübersichtlich sein, mein Kind, wir waren froh, dass ihr sie nicht verschluckt habt und damals hat euch die gemeinsame Aufbewahrung nicht gestört, erkläre ich ruhig während der Sohn sich bereits in Luft auflöst. Die Wackelzahnpubertät ist lange vergangen, das dazugehörige Pendant ohne Wackelzähne steht uns in diesem Hause bevor und netter wird hier in nächster Zeit vermutlich keiner. Also muss ich nett sein. Und kein Arschloch.

Ich drehe mich im Kreis. Ich kreise um einen Wunsch herum. Ich wünschte, alles drehte sich um mich und ich selbst könnte einzig um mich kreisen, doch dafür ist es längst zu spät. Das ist die Herrlichkeit der Dinge, die ich nicht habe. Was ich habe, ist diese Nachricht.

Hallo Malina hier ist David. Sicher hast du schon gehört was passiert ist. Können wir mal reden? LG

Hallo David, ja, es tut mir sehr leid was

Hey David, danke für deine Nachricht Lieber David, ich wollte dir schon längst schreiben aber Hi David, großes Sorry dass Hallo David, ich glaube es wäre besser wenn Wenn er wenigstens die Kommas gesetzt hätte! Oder das LG ausgeschrieben. So eine platte Botschaft. So schlicht. Der spinnt. Ich starre mein Handy noch ein paar weitere Minuten an, tippe und lösche den sechsten Antwortversuch, scrolle im Anschluss durch den Chatverlauf mit Susanne. Unsere letzte Konversation ist eine Woche her, eine Frage nach Neuigkeiten von mir, eine lange Sprachnachricht von Susanne. Sie ist nicht mehr in dem Unternehmen, dessen Namen ich mir ebenso wenig merken konnte wie ihre kryptisch lange und komplett auf Englisch gehaltene Jobbezeichnung. Studium hin oder her, sie ist jetzt Transformationscoach. Eine Nachfrage von mir, was macht ein Transformationscoach. Menschen begleiten, der Mensch zu werden, der sie sein wollen, so Susanne. Wenn sie so sein wollen, warum sind sie dann nicht einfach so, schriftlich von mir. Eine zweite lange Sprachnachricht von Susanne. Das ist ja ein bisschen naiv, Malinchen, beginnt sie und das könnte liebevoll klingen, tut es aber nicht. Es folgt ein Monolog über Impulse, Ganzheitlichkeit, Ängste und Ressourcen, Bremsklötzer, Schätze heben, wenn man integrativ…, ich überspringe einige Passagen, und hundertfünfzig Euro die Stunde. Folgend sehr kompakt von mir, denn zu dem Zeitpunkt saß ich gerade mit Noah beim Zahnarzt, Smilie mit aufgerissenem Mund, so viel für eine Stunde! Dreiviertelstunde, Korrektur von Susanne. Ich dann so, wie in der Schule. Susanne dann so, ja, nur dass die fünfundvierzig Minuten mit mir wirklich was bringen, ha! Das Ha ist getippt, trotzdem stelle ich mir vor wie dieser überhebliche Lacher bei Susanne losfliegt, sich in tausende Partikel zersetzt und in meinem Handy schließlich wieder zusammengebastelt wird und trifft.

Na das klingt ja gut. Ich bin froh das Richtige zu tun Wie läuft’s mit dem David? Dem habe ich den Laufpass gegeben Ihr habt euch getrennt!? Daumen-hoch-Emoji. Warum? Du solltest eher fragen warum ich ihn so lange behalten habe Mich interessiert aber besonders warum du ihn jetzt nicht mehr behalten hast…

Beim nochmaligen Lesen erscheint mir diese Formulierung bizarr. Man behält Hunde, die auf den Teppich pinkeln, weil man sie trotzdem liebt. Smartphones, deren Display einen Riss hat, weil man zu faul ist, die Fotos zu sichern. Saxophone, die man gar nicht spielt, weil sie sich als Deko in der Wohnung gut machen. Hat David zu oft auf den Teppich gepinkelt? Hat die Liebe nicht mehr gereicht? Oder irgendwas mit Corona?

Es folgt ein weiterer langer und lauter Monolog darüber, dass David Susanne keinen Schritt weitergebracht, sie im Gegenteil nur ausgebremst habe, sie ein anderes Leben wolle und für ein neues Leben brauche man Luft und nicht einen Typen, der sich beschwert, dass der Wecker ihn mit wachklingelt, wenn sie um fünf aufsteht, um Dankbarkeitstagebuch zu führen. Persönliches Wachstum sei natürlich schmerzhaft und anstrengend und es reiche doch schon, wenn sie gegen sich selbst kämpfen müsse, um so früh aus dem Bett zu kommen, da wolle sie doch nicht auch noch gegen ihn kämpfen! Sprachnachricht unterbrochen, weil Türklingel. Getippte Empörung, weil nur Pakete für die Nachbarn und derlei gleich drei. Spontaner Einschub von mir, ob sie denn nicht hätten in unterschiedlichen Zimmern schlafen können, um das Weckerproblem zu lösen. Bitte, Malina, wie unromantisch ist das denn, eröffnet sie die nächste Sprachnachricht, nun auch über mich empört, deswegen bleibt die Aufnahme so kurz.

Na aber wenn’s nicht anders geht… Es ging ja anders! Jetzt steh ich alleine auf Grins- Emoji

Und alles andere machst du auch alleine. Nicht ganz. Hab mich auf Tinder angemeldet Die Sex-Plattform? Das ist keine Sex-Plattform, immer noch empört, trotzdem spricht sie weiter über Tinder als ganz normale Dating-App, die nur die Hinterwäldler noch für was Sexuelles hielten, sie sei schließlich nicht bei Joyclub angemeldet, es sei aber schon sehr visuell.

Visuell? Du siehst halt riesig große Fotos der Männer und dann irgendwo ganz klein und nichtssagend noch ein paar Infos, das Alter und die Entfernung zu dir und paar Interessen, was im Wesentlichen bei allen bedeutet: Gym, Klettern, Surfen

Ich treff nicht besonders viele Männer, die klettern oder surfen.

Ich im echten Leben auch nicht, aber auf Tinder machen das alle

Du siehst den Widerspruch? Klar ich preise das auch ein Ich guck einfach ob einer gut aussieht alles andere ist erstmal zweitrangig. Und es ist unglaublich wie viele gutaussehende Typen es dort gibt! Und man wird gematcht, also das macht die Sache schon viel leichter.

Damit endet die Konversation. Ich antworte weder ihr noch David.

Drei Monate später klingt sie anders. Wir haben vier Anläufe gebraucht, um einen Telefontermin hinzubekommen. Diesmal setzen sich keine Lacher neu bei mir zusammen, Susanne flucht durchs Telefon. Das ginge alles gar nicht und während ich mir einen Gurkenteller zubereite, berichtet sie von samt und sonders völlig gestörten Typen, die entweder alt seien und kurz vor der Angst eine im gebährfähigen Alter suchten, damit auch ja von ihnen was weiterlebe, oder jung und unfähig, fünf Minuten bei einem zu sitzen, ohne parallel noch drei anderen Frauen zu schreiben. Neulich war ich mit einem im Kino, brüllt sie in den Hörer, und während er uns Popcorn holt, schreibt er mit ner Anderen! Woher weißt du das, hake ich nach. Hab ich halt mitgekriegt. Hast du ihn drauf angesprochen? Gott nein, ich mach mich doch nicht lächerlich!

Sie habe direkt vor dem Film Migräne vorgetäuscht und sei nach Hause gegangen. Auf meine Frage, ob sie immer nur einen gleichzeitig date, verneint sie und verweist auf ihre wertvolle Lebenszeit , aber sie würde natürlich keinem schreiben, während sie bei einem Anderen sei. Anfangs habe sie sich auch richtig Zeit für die Männer genommen, den Abend freigehalten und so, bis da der Vorfall war mit dem Typen, der aus dem Fitnessstudio kam und sich auf dem Klo der Bar frischgemacht habe. Sie sei doch kein Halbstundentermin! Von jetzt an würde sie das aber auch so machen. Die Typen hätten es nicht anders verdient!

Hannah läuft durch die Küche und grinst mich keck an. Es ist mir unangenehm, dass sie mithört und ich stelle den Lautsprecher aus, halte mir das Handy ans Ohr und stecke ein Stück Gurke in den Mund.

Mama, wir haben Freisprechkopfhörer, quittiert mir meine Tochter etwas später diesen Umstand. Und dass Susanne über Tinder redet, muss dir nicht peinlich sein, jeder ist auf Tinder.

Achso. Lieber David, ich wollte dir schon längst schreiben aber es schien mir nicht passend. Wie geht es dir mittlerweile? VG Malina

Auf diese Frage werde ich nie eine Antwort erhalten und bleibe zurück mit meinen Fantasien, in denen der gelockte David mit dem Riesenschwanz, durch Susanne einst sprachlich sehr anschaulich illustriert und durchaus praxisnah, wie ein gemeinsamer Saunabesuch demonstrierte, es mir ordentlich besorgt. Eventuell katapultiert ihn das in die Position meines besten Liebhabers, denn größer als die wirkliche Liebe ist schließlich stets die Liebe in Gedanken. Tom hat einen seltsamen Gesichtsausdruck. Er starrt den Wasserkocher an, als erwarte er eine Antwort von seinem verzerrten Spiegelbild auf der reflektierenden Oberfläche. Wieder und wieder drückt er dabei den kleinen schwarzen Hebel nach unten, obwohl das Wasser längst gekocht hat. Klick. Klick. Klick. Klick. Klick.

Es ist durch, Tom, sage ich und er zuckt zusammen, reißt den Kopf rum und schaut mich an, ein Tier in Todesangst. Alles in Ordnung, frage ich, und füge nochmal hinzu, es ist durch, das Wasser hat gekocht. Tom hält inne. Wie einer, der nun erst erfasst hat, was ich meine, blickt er auf den schwarzen Hebel und lässt ab davon. Er wendet sich erneut mir zu, hierbei wirkt seine Wahrnehmung eigentümlich verzögert, erst das Drehen des Hauptes, im Nachgang das Empfinden, es hängt offenbar einige Sekunden hinterher. So ist sein Blick zuerst leer, daraufhin abermals ängstlich. Er gibt mir Rätsel auf. Und doch möchte ich nicht weiter bohren, denn ich höre die Kinder in ihren Zimmern rumoren und augenblicklich werden sie durch die Küche trotten und den Raum für ein Gespräch aprupt verschließen.

Ich lege die letzte Schnitte für Noah in die Dose, zähle nach, sechs, der Hunger des Jungen kennt keine Grenzen, dazu die Gurke, die ich ihm aufnötige und die drei Proteinriegel, auf die er besteht, weil er Muskeln aufbauen will und dem Glauben anhängt, die Riegel würden ihm die Arbeit abnehmen. Hannah betritt die Küche mit einem Huster und auf der Stelle schrillen meine Alarmglocken, bitte nicht schon wieder Angina, das Vorabi Deutsch steht vor der Tür, bitte nicht jetzt. Keine Sorge, Mama, beruhigt sie mich sofort als hätte sie meine Gedanken gelesen, hab gestern nur slightly lange mit Mila im Shirt draußen gehangen, es war actually hart warm, aber dann war’s irgendwie trotzdem kalt. Die Bemerkung, einfach mal prophylaktisch eine Jacke bei sich zu haben im Februar, verbeiße ich mir, ich habe mir vorgenommen, lässiger zu sein. Hannah hustet heiter und da rutscht es mir doch noch raus, nimm halt einfach eine Jacke mit, vor den Klausuren solltest du nicht wieder krank werden. Weiß ich, Mama, erwidert das schlaksige Wesen in Schlüpfer und Shirt, steht barfuß auf den kalten Fliesen und grinst mich an. Naja.

Tom ist währenddessen unter meinem Radar völlig abgetaucht, er macht irgendwas, irgendwo, in der Küche ist er jedenfalls nicht mehr. Schmeiß mal den Noah aus dem Bett, rufe ich durch die Wohnung, der scheint auf seinen Wecker nicht zu reagieren. Doch auch Tom reagiert nicht und so betrete ich das ungeliebte Jungenzimmer, steige über Sporthosen und Achselshirts und baue mich vor dem Bett auf. Aufstehen, der Herr!

Neeirgendwiehabichndickenkopf, mault es mir entgegen. Kein Grund, die Schule nicht aufzusuchen, erwidere ich und finde mich dabei herausragend ruhig. Ichmachheuthome, murmelt es. Das gibt dein Schedule nicht her, die Schule will dich seit drei Tagen sehen, du gehst. Bereits während der letzten zwei Worte verlasse ich demonstrativ den Raum, um jegliche Widerworte unmöglich zu machen, eine bewährte Taktik, die heute verlässlich funktioniert. Ich höre, wie Noah sich aus den Laken schält. Erfolg. Tom ist derweil verschwunden und ich werde ihn bis zum Abend nicht mehr zu Gesicht bekommen. Ich verabschiede die Kinder, trinke einen großen Kaffee, instruiere die Haushaltssysteme, die sich wieder einmal an Toms altem Wasserkocher stören. Als witterten sie die Präsenz einer alten Zeit und deren Bedrohung durch die romantische Verklärung, die wir Menschen all dem angedeihen lassen, das lange genug vergangen ist, aber noch nahe genug, um es mit der Gegenwart abzugleichen. Was ich Noah verwehrt habe, nehme ich für mich selbst in Anspruch und setze mich in meinen Workspace, checke die Ergebnisse des Assistenten und versorge ihn mit neuen Demands, justiere den Schedule, redigiere ein Anschreiben und erledige selbst einen Talk, nachdem ich Unstimmigkeiten im Assistant-to-Assistant festgestellt habe. Die Vereinsarbeit ist nach knapp zwei Stunden erledigt, ich checke meine Values und gehe ins Gym. Im Fortgang des Tages bildet sich in meinem Bauch eine Verkrampfung, die mit dem Bauchmuskeltraining nichts zu tun hat, eine schleichende Verknotung all meiner inneren Organe, die dumpfe Vorahnung einer sich anbahnenden Katastrophe.

Zwölf Stunden nach unserem letzten Zusammentreffen eröffnet mir Tom den Grund für seinen seltsamen Ausdruck. Morten. Er spricht dieses Wort einfach in den Raum hinein, nicht zu laut, nicht zu leise, nicht zu schnell, nicht zu langsam, die Stimme nicht zu hoch, nicht zu tief, mit einer Präzision, die mich erschaudern lässt. Er sieht dabei nicht zu mir, sondern aus dem Fenster, vor dem er steht und dennoch steht völlig außer Zweifel, dass ich adressiert bin. Ich halte inne und dieses eine Wort, der Name, die Abfolge der wenigen Laute verändert alles, mein gesamtes Leben, das ist mir in diesem Augenblick kristallklar bewusst.

Der Knoten zieht sich noch fester, welcher starke Mann könnte den jemals lösen oder welche zarte Frau mit filigranem Fingerspiel. Ein erhöhter Puls gesellt sich hinzu, das Blut rauscht in schwindelerregendem Tempo um den Knoten herum, mein Herz pumpt und pumpt, pumpt den Knoten auf, macht ihn prall, er kann sich nicht lösen, alles zu eng, alles zu fest, mir wird schlecht. Was ist mit Morten, presse ich irgendwann aus einem kaum geöffneten Mund hervor und die Kurzatmigkeit verrät mich direkt. Vielleicht möchtest du es mir sagen, erwidert mein Mann mit der ruhigen Stimme des Todes. In Windeseile sondiere ich meine Optionen, doch fehlt es mir an Übersicht, das Blut ist im Knoten und nicht im Gehirn und ich entscheide mich für die Flucht, lache gekünstelt und lasse ein langes Aaaaaach entweichen. Das hatte ich einfach vergessen, dir zu sagen, füge ich hinzu, er hat sich mal wieder bei mir gemeldet. Die darauf folgende quälende Stille fülle ich mich einigen Wörtern hochgradiger Belanglosigkeit und ein wenig Blabla bis mir noch etwas Besseres einfällt. Du hast Recht, ich hätte es dir gleich sagen sollen, ich verstehe, dass sich das jetzt sicher komisch für dich anfühlt, es tut mir leid, aber weißt du, es war so viel los, Hannas Vorprüfungen und Noah mit den Tasks und dann hatten wir ja diese Initiative und du wirktest zudem leicht angespannt wegen dieser Rhythmisierungsgeschichte in der Schule und dann habe ich das wohl einfach vergessen, es tut mir leid, es ist keine große Sache, wirklich. Ich fülle das von Tom gerissene Loch so lange mit Beton auf, bis er kaum noch eine Chance hat, wieder herauszukriechen.

Du hast es nicht vergessen, sagt er nur und betont das letzte Wort. Okay, du hast Recht, setze ich ohne zu zögern an, vielleicht habe ich es vermieden, verdrängt, aus Angst, dass zu viel Unruhe entsteht, insbesondere in der aktuellen Situation, wo wir das unter keinen Umständen gebrauchen können, ich wollte dich nicht verletzen, es tut mir leid. Ich schwimme im Meer der Widersprüche.

Tom dreht sich um, er steht auf dem Boot und schaut zu mir herab. Ich will eine Welle surfen, es muss doch eine Welle geben, ein Surfer hat ein Brett, mir steht bevor, ein dickes zu bohren. Für den Moment rudere ich bloß sinnlos mit den Armen, vielleicht werde ich ertrinken.

Eine Woche später sitzen wir bei der Paarberaterin in den Korbsesseln. Ich hatte kein gutes Gefühl bei ihr, fand ihre Website völlig überladen und die Mutmachersprüche allzu plakativ, doch Tom insistierte, wir müssten sofort loslegen und sie hatte eben Termine frei. Ihre Haare sind ein schwarzgefärbtes Nest, eine Todesfalle für Krähen, deren glänzendes Gefieder dort vermutlich mit eingearbeitet wird, ich kann nicht aufhören, darauf zu starren und nicht anfangen, ihr zuzuhören. Ihre Worte wehen zu mir herüber, krah krah, ich höre allein die verzweifelten Schreie aus ihrem Haar, möchte aufstehen, mittenrein in das Gewirr greifen und die Überlebenden befreien, nachtschwarze Vögel schwärmen empor, ausgemergelt doch endlich frei. Später höre ich mir dennoch beim Berichten zu. Oder beichten zu. Berichten oder beichten, das ist hier die Frage. Dass Morten mir eine Nachricht geschickt hatte vor fünf Wochen und dass ich darauf geantwortet hatte und dass wir uns daraufhin getroffen haben vor einem Café, dass wir allerdings statt hineinzugehen zwei Stunden an der Elbe gesessen und ununterbrochen geredet haben. Es klingt jetzt meiner Meinung nach im Grunde nur noch halb so schlimm, die Frau macht trotzdem ein betretenes Gesicht. Sie schickt einen verständigen Blick zu dem Mann neben mir und er erzählt von seinen Emotionen, Trauer, Enttäuschung, Angst, Scham, Verlust von Vertrauen. Wofür schämst d u dich denn, will ich ihn fragen, doch die Krähenfängerin lässt es nicht zu, sie echot mir die Empfindungen meines Mannes und möchte wissen, wie ich mich dabei fühle, jene zu hören. Ich fühle gerade nichts, bloß das kann man nicht sagen, also sage ich Kummer. Bedauern, schiebe ich noch hinterher, obwohl das bestimmt eine glatte Lüge ist. Sie deutet ein Nicken an und erklärt, es sei wichtig, das voneinander zu hören und wir seien eigentlich auf einem guten Stand, weil wir unsere Gemütslagen so präzise voreinander ausdrücken könnten, wir seien da weit entwickelt, aber ich müsste natürlich einsehen, dass Arbeit vor uns läge, den Vertrauensbruch von Grund auf zu heilen, sie gibt uns eine Hausaufgabe, wir sollen uns einmal in der Woche zum Kaffee verabreden und ohne Ablenkungen miteinander sprechen. Es soll deswegen nicht zuhause stattfinden und auf gar keinen Fall dürfen wir es ausfallen lassen oder verschieben. Ich reagiere skeptisch, knibbel in einem Akt der Zerstörungslust beiläufig am Korbsessel herum und bringe all die Hemmnisse vor, die uns in den letzten Jahren erfolgreich davon abgehalten haben, ernsthafte Gespräche über uns selbst miteinander zu führen: die Kinder, die Arbeit, die Wohnung, die Eltern, das Wetter, die Freunde, die politische Lage, was da in diesem fürchterlichen Amerika los ist, aber vor allem die Kinder. Und die Arbeit. Wenn Hannah erneut krank wird, können wir ja nicht einfach einen Kaffee trinken gehen. Doch, sagt die Therapeutin, Hannah sei erwachsen. Das stimmt, erwidere ich, wir indes ebenso und Erwachsene hätten Pflichten. Wenn es für den Verein viel zu tun gäbe, könne ich nicht einfach einen Kaffee trinken gehen. Doch, sagt die Therapeutin, Ihren Ausführungen habe ich entnommen, dass Sie sehr flexibel arbeiten können. Das stimmt, erwidere ich, aber nicht mein Mann, Schule sei immer noch Schule, manches ließe sich einfach nicht verschieben. Das stimmt, springt mein Mann mir bei, sogar Tom ist auf meiner Seite, meine Entschlossenheit wird genährt. Frau und Herr König, wendet sich Frau Richter, die Therapeutin, an ihre widerspenstigen Klienten, nunmehr mit ernster Stimme und noch ernsteren Falten auf der Stirn, wenn Sie wieder zueinander finden wollen und ich nehme an, deswegen sind Sie hier, dann müssen Sie sich Zeit füreinander nehmen. Eine Stunde die Woche. Ein Kaffee. Ein intensives Gespräch. Ohne Ablenkung Nicht zuhause. Schaffen Sie das?

Wir schaffen das. Anfangs. Wir wollen fleißige Klienten sein und vereinbaren ein zweistündiges Zeitfenster an einem Dienstagnachmittag, welches wir kurzfristig auf Mittwoch verschieben, weil Tom eine Planänderung reinbekommt. Der Termin muss dem Donnerstag weichen, weil der sich viel besser anbietet, da ich zu der Zeit eh in der Gegend von dem Café bin, das wir uns ausgesucht haben. Zu dem Zeitpunkt bin ich völlig ausgelaugt vom Tag und fühle mich nicht mehr in der Lage, Freitag ist ungünstig, weil die Kinder abends Freunde da haben, das passt für mich nicht, Samstag ist Familientag, Sonntag ist der Tag des Herrn. Wir sind nicht religiös und sitzen somit an einem warmen Sonntagvormittag unter einem wolkenlosen Himmel vor dem Café Zeitlos, trinken Kaffee und frühstücken, das wird ja wohl noch erlaubt sein. Wir reden, so wie es uns Frau Richter aufgetragen hat. Nur ganz kurz über die Kinder, ich rühre meinen Espresso inbrünstig zurecht, schließlich hat Tom den Mut und den Antrieb des Verzweifelten und bringt zur Sprache, warum wir hier sind.

Du hast Dich mit Morten getroffen und mir nichts davon erzählt. Warum?

Weil ich Dich nicht aufregen wollte. Wolltest du wirklich mich nicht aufregen oder doch eher dich selbst schonen?

Wovor denn schonen? Vor meiner Reaktion. Tom sieht mich abwartend an. In der Ruhe seiner Augen erkenne ich, dass er längst eine Theorie entwickelt hat und dieses Gespräch einzig der Verifikation dient. Mit aufrichtigem Interesse hat das nichts zu tun. Ich werde patzig.

Wieso sollte ich Angst vor deiner Reaktion haben, blaffe ich los und schaue dabei sehr selbstsicher. Ich hätte ungemütlich reagieren können, erwidert Tom, die Ruhe selbst. Ich bin eine erwachsene Frau, konstatiere ich, die Unruhe in Person. Das ist mir bekannt, sagt er. Und wartet wieder ab. Und, werfe ich mit fragender Stimme einfach mal ein, weil ich den Faden verliere und obendrein die Geduld. Und müsste eine erwachsene Frau nicht in der Lage sein, ihrem Mann zu erzählen, mit wem sie sich trifft, ergänzt Tom mein läppisches Fragewort um eine vollständige Anklage. Ich erzähle dir ja auch nicht jedes Mal, wenn Susanne in der Stadt ist und ich mich mit ihr treffe, bringe ich vor. Das Argument ist schwach, ich weiß es. Tom weiß es auch. Das ist etwas völlig anderes, stellt er folgerichtig fest, und das weißt du. Du hast ja bereits antizipiert, dass es mich aufregen könnte. Also hattest du überblickt, dass es was anderes ist als mit Susanne.

Er ist so verdammt klug. Für dich, ja. Dass es für dich wahrscheinlich etwas anderes ist. Weil ich irgendwann vor hundert Jahren mal was mit Morten hatte. Den du nie leiden konntest. Den Schwurbler hast du ihn schon damals nur genannt. Ich wollte einfach unnötige Aufregung vermeiden.

Womit wir erneut am Ausgangspunkt wären, konstatiert mein kluger Mann. Diesen Rücken würde ich unter hunderten wiederkennen, auf einer Einkaufsstraße, im Stadion, auf einem Festival, in einer Massenpanik, im Weltraum, jederzeit und überall, aber als es passiert, überrumpelt es mich mit einer Wucht, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Es war doch alles so gut. Es war doch alles so ruhig. Dieser Rücken hätte die Macht, alles zunichtezumachen, alles zu zertrümmern, was ich mir aufgebaut habe. Ich bin nicht bereit, mein Haus in Ruinen zu sehen, darum drehe ich mich eilig weg und marschiere in die entgegengesetzte Richtung, Brötchen gibt es überall, ich kaufe sie woanders ein, kein Problem, überhaupt gar kein Problem. Kopflos laufe ich in die Drehtür und bin meinen Kopf doch nicht los. Er kracht an die Glasscheibe zusammen mit dem Rest von mir, es ertönt ein dumpfes Geräusch und eine Zugabe meiner Stimme hinzu, eine kleine Begleitmelodie mit sehr simplem Text: Aaah au. Alles in Ordnung, fragt es mich von irgendwo aus einem anderen Universum und ich murmle etwas Antwortähnliches, jallesgut, trete einen Halbschritt zurück und versuche, alle Teile von mir in Einklang miteinander zu bringen, zuvorderst Kopf mit Körper, das Denken mit dem Tun. Leider ist alles überlagert vom Fühlen, ein unüberfühlbarer Schmerz durchdringt mich, offensichtlich gleichermaßen unübersehbar, denn noch einmal höre ich die Stimme, mittlerweile näher, kein Universum mehr entfernt, vielleicht nur ein Planet weiter, und sie ist im Besitz eines Raumschiffes. Wahrhaftig? Das sah schmerzhaft aus. Es lässt sich nicht länger hinauszögern. Ich drehe mich um und blicke direkt in Mortens Gesicht. Es hat sich nicht im Geringsten verändert, warum sollte es auch, alles ist an seinem Platz, die stahlblauen Augen, kalt lediglich in der Farbe, der warme Ausdruck unter langen Wimpern, die dichten Augenbrauen, die ohne Vorwarnung auf halber Strecke enden und seinen Blick öffnen, die kurze Nase, uneigennützig Raum gebend für die sinnlichsten, gewölbtesten, aufregendsten Lippen, die ich an einem Mann jemals gesehen habe. Gespürt. Geschmeckt. Wir haben uns zwanzig Jahre nicht gesehen, wie kann es sein, dass er hier vor mir steht und ich ihn auf meinen Lippen schmecke, als hätten wir uns unlängst erst geküsst. Wir haben uns zwanzig Jahre nicht gesehen, ist all das denn nicht wahr, habe ich nie geheiratet, keine Kinder geboren, die Wohnung nicht gekauft, nicht den Hund leben und sterben gesehen, nicht die Kurse gegeben, beim Verein angefangen, gekündigt, zurückgekehrt, das Reiten gelernt, es nie weitergemacht, nicht die vielen Urlaube in Schweden?

Morten sieht mich an und natürlich hat er sich doch verändert. Da ist noch das markante Kinn, das so aufreizend zuckt, wenn er nervös mit den Zähnen mahlt, nur tritt es heute deutlicher hervor, die Wangen sind hohler, ich sehe kleine Schatten darauf. Auch unter seinen Augen nehme ich die Schatten wahr, nicht solche einer durchzechten Nacht, vielmehr die eines gelebten Lebens. Passgenau in der Mitte zwischen den halben Augenbrauen liegt eine Kerbe, die es früher nicht gab. Sein Haar ist noch nicht ergraut, bloß dunkler als früher, dunkeldunkelblond und vor allem ist es kurz. Nicht derart kurz wie das Haar der meisten Männer, aber doch um ein Vielfaches kürzer auf der Mortenskala, die immerhin einen zwanzigjährigen Morten mit beinahe taillenlangem Haar vorzuweisen hat. Dieser Morten ist er nicht mehr und so sind die letzten zwanzig Jahre wohl tatsächlich geschehen, meine Kinder, der Hund, die Urlaube in Schweden.

Es war schmerzhaft, entgegne ich. Aber es geht schon wieder. Ich lächle ihn an, vielleicht ein wenig gequält. Diese Drehtür ist seit Jahren abgestellt, meint er nun, soll wohl dekorativ sein oder sie wollen kein Geld für den Umbau ausgeben. Das weiß ich, höre ich mich sagen, und nach einer Pause, eigentlich. Morten zieht den rechten Mundwinkel hoch zu einem Lächeln und in dieser Sekunde will ich ihn für mich allein. So wie damals. Du kämst doch desgleichen nicht auf die Idee, dich zwischen Erbsen und Möhren entscheiden zu müssen. Du isst sie einfach beide, zusammen schmecken sie besonders gut und vielleicht hast du morgen bloß Lust auf Erbsen, dann genehmigst du dir Erbsen pur und wenn dir die freundliche Dame von der Essenausgabe an einem anderen schönen Tage Möhren dazu auf den Teller haut, dann freust du dich und schnabulierst beides und denkst natürlich nicht drüber nach, ob das geht.

Ich starre ihn entgeistert an. Hat er gerade allen Ernstes meine Situation mit Mischgemüse verglichen? Hast du gerade allen Ernstes Männer mit Mischgemüse verglichen, frage ich laut. Morten lacht leise. Wenn du es entsprechend ausdrückst, klingt es witzig, aber im Grunde schon, warum nicht. Es geht hier um Liebe, platze ich raus und fange mir von Morten ein schnelles Eben! ein. Liebe sei schließlich noch viel weniger teilbar als Mischgemüse, sie sei fürwahr grenzenlos, eine unerschöpfliche Ressource, die nicht mal Erde oder Wasser benötige wie die Erbsen und die Möhren, ein ewiges Gut, blablabla ich höre längst nicht mehr zu. Wir sitzen in der Mensa vor zwei Tellern mit Kartoffelbrei, Blumenkohlschnitzel und nun ja, Mischgemüse und ich habe ihm davon erzählt, dass Tom mich immer wieder zu einem Treffen drängt. Erhofft habe ich mir einen Rat, auf welchem Wege ich den unnachgiebigen Verehrer loswerden kann, ohne allzu verletzend zu sein. Was ich bekomme, ist der Vorschlag, Tom einfach zu treffen.

Morten und ich verstehen uns seit unserer ersten Nacht vor drei Monaten als Paar. Wir haben es nicht ausgesprochen, es ergibt sich aus dem, was wir tun. Wir schlafen jeden Tag miteinander und oft beieinander, treffen uns zwischen den Vorlesungen in der Mensa und probieren die vegetarischen Gerichte durch, die es hier neuerdings gibt, was für mich kein Problem und für Morten von oberster moralischer Wichtigkeit ist. Er ist Vegetarier seit dem Eintritt ins Gymnasium und hat seine Schulzeit mit trockenen Kartoffeln und Beilagensalaten verbracht. Die vegetarischen Möglichkeiten auf dem Campus katapultieren ihn stetig aufs Neue ins Himmelreich der Lüste und ich unterstütze ihn gern. Gleich einer liebevollen Mutter sehe ich dabei zu wie er mit der Verzückung eines kleinen Kindes Brokkoli-Brot-Ecken oder Sojaschnetzel auf seinem Teller drapiert, jeden Bissen zelebriert und die stete Evolution des Menschen feiert. Ich gehe mit allem mit. Nur das Ding mit den Möhren und den Erbsen, das kann er beim besten Willen nicht ernst meinen.

Ich bin mit dir zusammen, da treffe ich doch nicht einen anderen!

Wir sind zusammen? Sind wir das etwa nicht? Zweifellos, aber du bist die erste, die es ausgesprochen hat. Gerade eben.

Ich kann es ganz schnell widerrufen. Düsternis mischt sich in meine Stimme. Morten kaut versonnen auf seinem Blumenkohlschnitzel herum.

Meine Süße, nichts läge mir ferner als das herauszufordern. Ich bin gern mit dir zusammen. Lass es uns allen sagen, alle sollen es wissen!

Und er steht auf und brüllt es durch die Mensa. Hört her, hört her, Malin hier und ich, wir sind ein Paar! Ich liebe sie und sie liebt mich und die ganze Welt soll es wissen! Oder jedenfalls die ganze Mensa, da die mir geschenkte Stimme wohl nicht viel weiter zu hören ist, darum traget hinaus, die Kunde, meine verehrtesten Kommillitoohoo… Ich zerre an ihm und zwinge ihn zurück auf seinen Stuhl, bist du wahnsinnig geworden! Er gibt mir einen Kuss und lacht, mein liebes, süßes Malinchen, erst ist es dir wahrlich wichtig, dass wir zusammen sind, und nun darf es nicht jeder wissen?

Natürlich darf es jeder wissen, aber doch nicht so! Wie? Na so… das passt hier doch gar nicht hin! Wo sollte es denn sonst hinpassen? Ein Speiseraum voller junger Leute, alle frei und auf der Suche nach Liebe!

Das ist viel zu theatralisch! Das ganze Leben ist ein einziges Theater, meine Liebe. Es wallt in mir, und die Wogen aus Zuneigung und Ablehnung erreichen exakt dieselbe Höhe. Um uns herum feixen die anderen Studenten und mein Körper will sich schämen, allein mein Intellekt versteht, dass das Unsinn ist, denn die anderen lachen Morten nicht aus, sie bewundern ihn und seinen Sinn dafür, noch aus der Belanglosigkeit einer Mittagspause eine große Sache zu machen, von der man nachher in der WG erzählen kann. Manche kennen ihn aus den Aufführungen der Theatergruppe, andere kennen ihn, weil er aus jeder Ansammlung heraussticht mit seiner Gestalt und seiner Präsenz. Dreißigtausend Studenten in dieser Stadt, ein Morten und er ist mein. Er ist der schönste Mensch, dem ich je nahe war, noch schöner als Matze und vor allem klüger. Zweifellos gibt es nichts zu schämen. Gleichwohl haftet diesem meinem Freund etwas Fremdes an, eine Intensität, vor der ich erschrecke, ein Freimut, den ich verdächtig finde. Er leuchtet alle Ecken aus, zuvorderst die, in denen ich mich gern verstecken möchte.

Nein, immer dort, wo du bist, ist Theater! Er hat mir meine dunkle Ecke geklaut, ich werde ungemütlich.

Ich nehme das mal als Kompliment. Noch prallt es an ihm ab.

Jeder wie er es braucht, schnauze ich. Die Streitlust übermannt mich. Bloß weil es irgendwelche schrägen Liebesgeschichten in deinen Stücken gibt und es jeder mit jedem treibt, muss man das ja nicht auch noch außerhalb der Rolle tun. Es gibt einen Grund, warum bei Shakespeare am Ende fast alle sterben!

Tut mir leid, dass ich derjenige bin, der es dir sagen muss, meine liebe Malin, aber auch außerhalb der Rolle sterben wir alle. Das echte Leben ist endlich. Er bleibt äußerlich immer noch ruhig, während sich doch hörbare Sprenkel von Genervtheit in seine Stimme mischen.

Deine Weisheiten öden mich an, das ist hier ja nicht der Punkt, du lenkst total ab mit deinem Pathos. Ich wollte über Tom reden und einen Rat von dir, fahre ich fort. Den hast du erhalten, entgegnet Morten. Nein. Wohl, aber er hat dir nicht gepasst und jetzt wirst du böse. Ich bin nicht böse. Stimmt, eher bösartig. Lass uns aufbrechen, schmeckt nicht mehr.

Er bringt seinen halbvollen Teller zur Geschirrabgabe und mir ist klar, dass ich ihn ernsthaft bekümmert habe. Doch der Kummer um mich selbst überwiegt und so bringe ich mit zornigem Blick meinen Teller ebenfalls weg, ohne mich für all das zu entschuldigen. Wir stapfen wortlos hinaus, verbergen unsere eingefallenen Gesichter unter den Helmen und fahren mit dem Roller ans andere Ende des Campus. Ich schaffe es nicht, mich an ihn zu schmiegen und weine in meinen Helm hinein. Drei Wochen nach dem Streit in der Mensa treffe ich mich mit Tom, der zwischendurch noch vier weitere Nachrichten geschrieben hat. Nach der Andeutung, sein ganzes Budget würde für SMS draufgehen, habe ich ihm meine Mailadresse gegeben und seine Einladungen werden wortreicher. Ich kann Mails nur in der Uni abrufen und die Schlange zum Computerraum ist mir meistens zu lang. Als ich es mal wieder schaffe, ist ein langer Text von Tom eingetroffen, der mich schließlich nachgeben lässt.

Ich will dich echt nicht nerven und komme mir ziemlich lächerlich vor, aber ich könnte mir später nie verzeihen, nicht alles versucht zu haben. Irgendetwas sagt mir, du bist die eine Frau, um die es sich zu kämpfen lohnt und ich will einfach nichts unversucht lassen. Bitte lass uns einen Kaffee trinken und in die Augen schauen. Vielleicht fühlst du es auch und wenn nicht, ist das natürlich in Ordnung, aber dann muss ich mich nicht den Rest meines Lebens über meine fehlende Courage ärgern.

Seine Worte beeindrucken mich und überdies schmeicheln sie mir. Vielleicht war ihm tatsächlich etwas aufgefallen, das ich an diesem Abend auf der Gartenfeier nicht gesehen oder gemerkt hatte, weil ich ganz von Morten geblendet war? Morten wollte mich leichtfertig mit einem anderen teilen und Tom schrieb sich die Finger wund. Es war nicht fair. Es ist nicht fair. Ich formuliere eine Antwort, eilig, weil ich die Ungeduld der anderen Studenten in der Warteschlange förmlich im Nacken spüre. Wir sind jung, doch das Leben ist kurz.

Lieber Tom, okay, lass uns treffen. Es spricht ja nichts dagegen und Kaffee mag ich auch. Schlag was vor, bitte aufs Handy. Liebe Grüße, Malina

Kaffee mag ich auch. Beim Rausgehen kapiere ich, wie blöde und hölzern dieser Satz ist. Schriebe ich an einer Hausarbeit, würde ich einfach auf Rückgängig klicken und es umformulieren, ja selbst bei einem normalen Brief könnte ich es vielleicht noch durchstreichen und lustig klingen lassen oder zur Not den ganzen Text nochmal schreiben, und da fällt mir auf, wie lange es her ist, dass ich einen normalen Brief geschrieben habe, einen echten, richtigen Brief. Ich weiß es nicht mehr. Mir kommt Susanne in den Sinn und was wir uns in den ersten Jahren auf dem Gymnasium geschrieben haben, seitenweise Texte in Briefbüchern, hin und her. Wir haben Notizbücher im Schreibwarenladen gekauft, ich lieber die linierten, weil die immerhin für Text gedacht sind, sie lieber die karierten, weil man sich in denen besser austoben kann, und als Nächstes haben wir uns geschrieben, das Buch ausgetauscht, gelesen und wieder geschrieben und wieder getauscht und gelesen und geschrieben und immer so weiter, bis die Bücher voll waren und dann ein neues und immer so weiter bis irgendwann Susanne mit dem ersten Handy in der Klasse auftauchte. Wir entdeckten das mit den SMS und Susanne den Trick mit den kostenlosen Nachrichten, über den ich mittlerweile im Bilde bin. Der ganze Zauber basierte auf der Sparkasse. Der Stadtsparkasse! Susannes Mutter hatte ihr erzählt, dass treue Kunden auf der Sparkassenseite kostenfrei SMS vom Computer aus versenden konnten. Nicht mehr. Einfach nur das. Und es sparte Susanne und wir anderen zahlten, doch alle, ausnahmslos alle schickten Belanglosigkeiten im Kurzformat hin und her. Keinem fiel es zu dem Zeitpunkt auf, aber da war es vorbei mit den langen Texten und den Briefen. Keinem fehlte es, weil wir abgelenkt waren von den ersten Partys, Zigaretten und der Frage, wie man seine Beine wohl rasieren könnte, ohne dass die Mutter meckert.

Jetzt fällt es mir auf, rückblickend und ich bedaure es rückwirkend, denn diese Texte waren für die Ewigkeit. Ich könnte augenblicklich losfahren, zur Wohnung meiner Mutter, mein altes Kinderzimmer betreten, die Briefbücher raussuchen und ich wüsste sofort, wie es mir an diesem Tag dieses Monats vor zehn Jahren ging. Da war ich zehn. Oder was mich bewegt hat mit elf, wovon ich träumte als ich zwölf war, was mir peinlich war mit dreizehn. Aber danach sind die Seiten leer. Die ersten Partys und Zigaretten, Matze und Ian, wie Susi zu Susanne wurde, das Ding mit ihren Eltern, die Kursfahrten, die vielen Fragen zum Studium, die Angst vor dem Abi, die Autofahrten zu acht im VW Golf von irgendeiner Mutti, der Hochmut eines Erstwählers, die Demos, die unanfechtbare Liebe zum Frieden, die Selbstüberschätzung, die Dauerzweifel, das wahnwitzige Drehen um sich selbst, diese ganze krasse Jugend, diese unglaubliche Dichte an Ereignissen, Gefühlen, Triumphen und Niederlagen, diese paar wenigen Jahre, in denen man vom Kind, das noch nicht einmal über seine Bettgehzeit entscheiden darf, zu jemandem wird, der zum Wählen berechtigt ist und über ein Land mitbestimmt, all das ist undokumentiert, unarchiviert, quasi ungeschehen. So eine traurige Scheiße. Ich habe nichts als meine Erinnerungen und welchen Wert die haben, bemerke ich, wenn Morten und ich uns nicht im Geringsten einig sind, wer am Vortag versprochen hatte, Snacks zu kaufen. Du, hä nee, ich hab doch gesagt, dass ich es mache, aber dann meintest du, bei dir liegen noch welche rum, die bringst du mit, echt, hab ich gar nicht mehr auf dem Schirm, ist ja auch endlos ewig her, war ja gestern, hihihi. Wenn das mit meinem Gedächtnis im großen Rahmen ähnlich läuft, kann ich mich nicht darauf verlassen, dass ich tatsächlich mal mit Matze zusammen war oder die Kursfahrt nach Rom ging. Wer weiß, was mein Hirn mir vorspinnt.

Diese Erkenntnis finde ich fürchterlich deprimierend und am liebsten würde ich umkehren und noch eine zweite E-Mail schreiben, die nicht ganz so banane klingt, aber längst sitzt ein bebrillter Jüngling an meiner statt auf dem angenagten Holzstuhl, der aussieht, als hätte die Uni ihn aus einer Grundschule geklaut, und dieser Jüngling sitzt unverrückbar und starrt auf den Bildschirm, auf dem ich meine, Elfen und Orks zu erkennen. Zockt der hier etwa? Geht das überhaupt? Meine Chance auf einen Nachtrag ist jedenfalls vergeben.

Find ich super, dass du Kaffee magst. Tom lächelt charmant. Er sagt das ungetrübt und anständig, keine Spur von Ironie. Ich mag Kaffee auch, das ist ein vielversprechender Auftakt! Er strahlt schon wieder, seine Mundwinkel wandern unfassbar weit auseinander, seine Oberlippe wird überstrapaziert bis sie sich nach oben klappt, aufwirft, das Zahnfleisch wird sichtbar. Ich habe noch nie jemanden derart breit lächeln gesehen. Eine angenehme Einfachheit ergreift Besitz von mir. Es mag ja eigentlich fast jeder Kaffee, starte ich trotzdem noch einen Versuch der Dissonanz, aber Tom weicht den Störfeuern ohne Not aus. Nein, nein, er schüttelt sachte das Haupt und eine braune Haartolle wippt dabei im Takt, du würdest nicht glauben, wie viele Leute in unserem Alter sich einen Kakao bestellen! Oder Tee, ergänze ich und all meine Zweifel sind verflogen, oder Tee, wiederholt Tom bestätigend und wir grinsen uns nett an. Danach sitzen wir den ganzen Nachmittag im einzigen Café auf dem Campus, das streng genommen ein Bäcker ist, jedoch einer, der den himmelschreienden Mangel erkannt hat, dass ein Areal mit dreißigtausend jedenfalls potenziell intellektuellen Menschen keinen Ort vorzuweisen hat, an dem man sich wenigstens im Ansatz wie Sartre und Beauvoir erleben kann, Kaffee trinkend, Kuchen essend, sich für wichtig haltend und das nicht im Speiseraum der Mensa, in dem es aus nachvollziehbaren Gründen immer unentrinnbar nach Suppenwürfeln riecht. Als ich bemerke, dass Tom sich für ein Stück Käsekuchen entschieden hat, vermischt er sich in meiner Vorstellung mit Jean-Paul Sartre, von dem ich irgendwo gelesen habe, er solle Käsekuchen gemocht und darüber hinaus behauptet haben, in den typischen Kuchen eines Landes den Charakter der jeweiligen Nation erkennen zu können. Das kann wahr sein oder nicht, Tom jedenfalls profitiert von meiner internen Vermengung, denn er wirkt auf mich dadurch instantan interessanter. Dies hier ist nicht das Café de Flore, es ist immer noch der Bäcker Schulze, aber sie haben sich Mühe gegeben, das unter verschnörkelter Schrift, gußeiserner Außenbestuhlung und einer adretten Bäckerstochter zu kaschieren, die Kaffee und Kuchen sogar an den Platz bringt. Warum sich also nicht darauf einlassen. Weil du ebenso mit einem Kaffee im Pappbecher unter einem Baum intellektuell sein kannst, höre ich Morten aus meinem Inneren zu mir sprechen, doch ich stelle ihn auf lautlos. Er versucht es nochmal auf Französisch und auf Dänisch, denn er weiß, wie sexy ich das finde, yet silence sounds the same in every language. Ich lasse meinen inneren Morten ins Leere laufen und konzentriere mich auf Toms kaffeebraune Augen, die eigentlich eher die Farbe von Kakao hätten, wenn ich ehrlich zu mir wäre. Ich sitze da und es schmerzt. Nicht so, wie wenn einem etwas herausgerissen wird, sondern eher, als würde hineingeschoben, was dort nicht hingehört. Morten führt mit enormer Präzision den Bleistift über ein Blatt Papier. Er zeichnet mich, es reicht mir nicht. Wie heißt sie denn, will ich wissen und treffe dabei nicht den Ton einer Frage, stattdessen direkt Mortens Kopf mit einem Schnellschussgewehr. Er scheint einen Helm zu tragen. Das wird dich wohl wundern, führt er völlig ruhig und ungetroffen aus, blinzelt nicht einmal und zeichnet währenddessen weiter, aber ich weiß es noch nicht. Wie, du weißt es noch nicht? Noch ein Schuss! Ich kenne ihren Namen noch nicht, ruhig, nicht betroffen. Du hast sie gevögelt, aber du kennst ihren Namen nicht? Schuss Schuss Schuss! So ist es.

Wir sitzen auf dem mikroskopisch kleinen Balkon seiner Wohnung, ein offenes Schächtelchen, scheinbar beiläufig an die Hauswand genagelt. Wer unten steht und nach oben schaut, muss diese Konstruktion als Fremdkörper wahrnehmen und doch, wieviel wunderbarer wird eine Studentenbude durch einen kleinen Austritt in die Freiheit. Morten hat es irgendwie geschafft, darauf zwei Klappstühle zu positionieren, auf einem sitze ich, auf einem sitzt er mit dem Klemmbrett in der Hand, denn für einen Tisch bräuchte es einen weiteren Balkon dieser Größe. Er nutzt sein rechtes Knie zur Ablage, die Beine überkreuzt, Fußgelenk auf Knie. Meine Fußspitzen berühren die Zehen seines linken Fußes und ich ziehe beide Beine an, ich will die Berührung heute nicht, sie widert mich an. Unsere Füße sind nackt, doch es ist zu kühl. Der Herbst kommt.

Seit zwei Wochen ist Morten informiert, dass es bei Tom und mir nicht beim ersten Treffen geblieben ist. Wir haben uns wieder gesehen und wieder und wieder, nochmal im Bäcker Schulze, da sogar mit einem Spaziergang im Anschluss, um die gemeinsame Zeit zu verlängern, danach abends im Studentenclub, mittags zufällig in der Bibliothek, die Treffen reihten sich aneinander und wir verliebten uns, ineinander. Erst hatte ich es für unmöglich gehalten, immerhin war ich nach wie vor in Morten verliebt und so deutete ich das Ganze als einen steten Zuneigungsgewinn, der am Ende in einer innigen Freundschaft münden könnte. Trotzdem erzählte ich Morten anfangs nichts davon, was widersprüchlich anmutet. Wusste mein Bauch bereits mehr als mein Kopf? In jedem Falle gab er sich Mühe, meinen ganzen Körper mit reinzuziehen, denn aus dem Kribbeln im Bauch wurde mit der Zeit auch ein Rasen im Herz und ein Kloß im Hals an jenem Nachmittag, an dem ich Morten endlich alles berichtete. Der reagierte ebenso ungerührt und tiefenentspannt wie jetzt da er selbst etwas mitzuteilen hatte, wobei ungerührt nicht das rechte Wort ist. Er war gerührt, er freute sich. Man könnte ja fast denken, du freust dich, war folglich meine rasche Reaktion, mit ungläubiger Stimme vorgetragen, und seine Entgegnung lässt mich bis heute nicht los. Ich freue mich, mit dir, das ist was er sagte. Er erklärte mir, das sei für ihn kein Problem und er wäre sehr gern weiterhin mit mir zusammen, schließlich sei er sehr verliebt und vermeinte, diesen Zustand gleichwohl in meinen Augen zu sehen. Es gäbe keinen Grund, hier irgendetwas zu beenden, es sei genug Malina für alle da. Das revidierte er dann doch, entschuldigte sich für seine Unschärfe und ergänzte, für alle wohl nicht, aber mit einem weiteren Mann sei er ohne Mühe bereit zu teilen und sähe da keine größeren Probleme auf uns zukommen.

Seit diesem Tage treffe ich mal Morten, mal Tom, mal niemanden, am liebsten beide, leider möchte Tom das nicht. Tom ist eben normal. Im Grunde möchte er das alles nicht, er möchte mich, ohne Morten, die Wahrheit ist ebenso einfach wie schmerzhaft. Ich weiß, dass er sich in einer abwartenden Position hält, aus sicherer Distanz davon ausgehend, dass ohnehin bald alles in die Luft fliegt und er zur rechten Zeit zur rechten Stelle sein wird. Die Trümmer aufzusammeln und meine Wunden zu verbinden. Zu küssen. Ich weiß das, im Grunde weiß ich das und ebenso, dass das Erwartete eintreten wird. Ich könnte die Detonation vermeiden, mich einfach entscheiden, andere vor mir haben es auch geschafft. Allerdings hallen Mortens Worte zum Teilen in mir nach und außerdem ist er so schön. Ihn hergeben, obwohl ich eigentlich nicht muss, erscheint mir abwegig, doch in dieser Szene auf dem Balkon findet eine Veränderung statt, rücken die Dinge sich zurecht, alles nimmt seinen geordneten Platz ein. Die Qual an der Ambivalenz weicht einem ungleich größeren Schmerz. Eine Welle der Eifersucht erfasst mich. Es wird keine Detonation geben, wir werden ertrinken.

Morten merkt es zuerst nicht einmal. Er zeichnet weiter, seine Lippen folgen in einer dezenten Bewegung den Schwüngen seines Zeicheninstruments und das hat etwas sehr Kindliches an sich. Da sitzt er da, malt ein Bild und merkt gar nicht, was mit seiner Freundin geschieht, macht seine albernen Mundbewegungen. Seine Lippen kommen mir plötzlich wulstig vor, aufdringlich, selbst Mortens Nasenspitze hält sich von ihnen fern. Wie seltsam eigentlich alles in seinem Gesicht verteilt ist, es grenzt an ein Wunder, dass mir das bisher noch nicht aufgefallen ist. Er ist nicht wirklich klassisch schön, in einem Magazin würde er nicht bestehen gegen die symmetrischen Normgesichter männlicher Models. Mein Blick arbeitet sich an seiner ganzen Gestalt ab mit der Unerbittlichkeit einer Lehrerin, die ihren Schüler längst aufgegeben hat. Vor meinen Augen zieht sich sein Oberkörper in die Länge, wird irgendwie unproportional zum Rest des Körpers, deswegen muss er ganz gekrümmt über seiner Zeichnung hängen, drollig sieht das aus, infantil, töricht, ein zu großer Junge auf einem Plastestuhl, ein Clown mit dicken Lippen, großen Füßen, lächerlich langem Haar, wem will er damit etwas beweisen, denkt er, damit ein interessanterer Mensch zu sein, ein besserer Schauspieler, ein anmutigerer Liebhaber, er ist kein Schauspieler, er ist ein Clown, macht seine Sprüchlein, gießt seine Weisheiten aus, ich sehe ihn mit einer gelben Gießkanne in der Hand, darauf bunte Blumen, der Clown gießt und gießt, blablabla, Wasser spritzt aus einer Blume an seinem Knopfloch, alles lacht, der Clown hat ein großes Kinn wie Popeye und es zuckt und zuckt, blablabla und hahaha, seine viel zu großen Füße nehmen den ganzen Balkon ein, seine Zehen sind überall, es widert mich an.

Später frage ich mich, ob es so sein muss. Ob es sich verhält wie mit den Spielzeugen, die wir uns in ganz jungen Jahren sehnlichst wünschen. Man schenkt sie uns und sie sind niegelnagelneu und riechen nach Fabrik und Chemie und nach sie-gehören-allein-mir-und-keiner-hat-sie-vor-mir-benutzt. Nachts tauchen sie in unseren Träumen auf und tags wollen wir nur noch mit ihnen spielen, mit nichts sonst. Und doch, nach ein paar Tagen oder Wochen verlieren sie die Farbe, den Zauber, sie riechen nach dem eigenen Kinderzimmer, eine Freundin hat mit ihnen gespielt, nicht mehr niegelnagelneu, langweilig, vergessen.

Und du triffst jemanden und er wirkt total interessant und beeindruckend und frisch, niegelnagelneu, aber dann lernt ihr euch besser kennen und du erkennst die Armseligkeit, die wir alle teilen. Warum hat es dich dermaßen empört, dass ich dir zu einem Treffen mit Tom geraten habe?

Ich kam mir verraten vor. Ich glaubte, es mindert meinen eigenen Wert, wenn du nicht darauf bestehst, mich für dich allein zu haben.

Ich spiele mit dem verpackten Miniaturkeks auf der Untertasse meines Espressos, zupfe an der Hülle und bin unentschlossen, ob ich sie öffnen soll. Ich rupfe und zupfe, knibble und fummel und schlussendlich nimmt Morten das Tütchen an sich, reißt es auf und hält mir den nackten Keks vor die Lippen. Völlig perplex schaue ich ihn an, Morten, nicht den Keks und er schmunzelt, Morten, nicht der Keks, iss ihn einfach, sagt er und als hätte ich keinen eigenen Willen, öffne ich ganz leicht die Lippen. Morten schiebt das winzige gebackene Rund behutsam dazwischen, ich sperre den Mund weiter auf wie eine Katze, die nicht anders kann und Morten legt den Keks auf meiner Zunge ab, wo das Gebäck zu schmelzen beginnt. Ich spüre ein ganz kleines Kribbeln, vom Keks, nicht von Morten oder vom Keks auf der Zunge und von Morten im Rest von mir. Der Keks schwindet erst sehr schnell, die Kügelchen aus Teig und Zucker explodieren euphorisch und penetrieren meine Zunge mit ihren Feuern, danach bleibt nichts als eine unmotivierte Restmasse, ein lustloser Teigtaler, der keinen Bock auf gar nichts mehr hat und es nur noch darauf anlegt, von meinen Zähnen zermahlen zu werden und mir in Form von krümeligen Resten in den Zwischenräumen meines Mundes auf die Nerven zu gehen. Ich stelle mir vor, ich sei der Keks und unversehens scheint mir etwas über die Liebe offenbar zu werden, doch es entgleitet mir auf der Stelle. Ich lecke mir über meine Zahnreihen und Morten beobachtet mich dabei.

Das habe ich mir dereinst schon gedacht. Nein, gedacht ist nicht das richtige Wort, ausreichend weit bin ich von mir selbst nicht abgerückt, aber ich habe es gewittert, instinktiv … Sein Blick wendet sich nach innen.

Warum hast du es trotzdem getan? Was getan? Das weißt du doch. Meinerseits mit einer anderen Frau zu schlafen? Ja. Oder sie überhaupt zu treffen? Ich zögere. Mortens Blick ist zu mir zurückgekehrt. Oder sie gut zu finden? Sie zu küssen? Worauf genau beziehst du dich?

Ich bin verblüfft. Man könnte annehmen, wir knüpften direkt an unser letztes Gespräch von damals an, als hätte es die Kinder, den Hund und die Schwedenreisen zwar gegeben, aber als wären sie lediglich eine Zwischeneinblendung gewesen, eine lange Werbung, die man nicht wegschalten kann, die man notgedrungen schaut, weil man ohnehin gerade nichts Besseres zu tun hat, obwohl man bei Lichte besehen, wäre man wahrhaftig mit sich selbst, natürlich gerade Besseres zu tun hätte. Erstaunlicherweise bin ich ähnlich verunsichert, wie ich das wohl mit zwanzig gewesen wäre.

Also…, schinde ich eloquent Zeit und meine Gedanken schweifen zu der leeren Hülle ab, in der einst der Keks vor der Außenwelt geschützt war. Mittlerweile liegt sie von Morten angerissen nutzlos auf dem Tisch herum, ist nur noch Abfall und ich fange ernsthaft an, darüber nachzudenken, um welches Material es sich handeln mag, denn ich habe ewig nicht mehr in einem Café gesessen, das noch Verpackungsmüll in Kauf nimmt. Ich schaue mich um und nehme Holzvertäfelungen wahr. Vielleicht ist der Laden hier auf Retro ausgelegt.

Erinnerst du dich an den Bäcker Schulze, fragt es aus der Außenwelt. Morten holt mich ins Hier und Jetzt. Und auch ins Gestern.

Ja, … klar, antworte ich. Ich bin mal dort vorbeigelaufen, irgendwann in jenen Tagen, in denen du angefangen hast, dich mit Tom zu treffen und habe euch drinnen sitzen gesehen…

Er will weitererzählen, da entweicht mir ein ertapptes Oh. Oh. Ja, oh. Aber oh ja, nicht oh nein. Malina, ich war glücklich in diesem Moment.

Warum? Wie kann das sein? Ich atmete Freiheit. Einfach Freiheit. Ich war so voller Liebe zu dir, ich war wirklich wahnsinnig, wahnsinnig verliebt in dich, aber die Aussicht, wir würden für unser restliches Leben mit keinem anderen Menschen mehr innig sein dürfen, die fand ich unfassbar deprimierend. Nun sah ich euch beieinander sitzen und es war romantisch, es waren nicht einfach zwei Leute, die vor der nächsten Vorlesung noch einen Kaffee trinken und dabei über das Script sprechen oder den Prof lästern. Ich wurde Zeuge, wie zwei Menschen anfangen, einander zu sehen und warum sollte es nicht so sein. Es sollte genau so sein. Hattest du schon vorher in unserer Zeit andere Frauen… gesehen?

Nein. Und vor unserer Zeit? Hattest du da mehrere gleichzeitig? Nein. Warum musste es dann mit mir unbedingt so sein? Das musste es nicht, Malin. Du hast mich schlechterdings nicht um meine Meinung gebeten.

Wie meinst du das? Du hast nicht gefragt, ob es nicht anders ginge. Aber…, setze ich an und die Glut der Erkenntnis ist entfacht, mir wird heiß. Aber das wäre doch Unsinn gewesen, ich hatte ja mit Tom … und warum dürftest du entsprechend nicht auch … Mein Satz wandert hinaus in die Leere.

Natürlich wäre das ein feiner Zug von dir gewesen, Malinchen. Aber dafür warst du offensichtlich nicht bereit. Was kann ich dir sagen, wir sitzen hier und wir sind so viel älter und es ist vieles geschehen, doch es mutet mir redlich und glaubhaft an, wenn ich dir sage, dass es für mich zu diesem Zeitpunkt andere Wege gegeben hätte. Ich sage das gern noch einmal, denn es ist schön: Ich war wahnsinnig, wahnsinnig verliebt in dich. Ich hätte alles Mögliche ausprobiert, einzig um an deiner Seite zu sein. Natürlich hatte ich meine Vorstellungen von der Welt, von der Liebe und wie das alles laufen sollte. Und garantiert hätte nicht alles Mögliche funktioniert, manches indes vielleicht durchaus. Ich wollte dich. Aber an dem Nachmittag auf dem Balkon, da hast du mich plötzlich angesehen, als wäre ich dir lästig. Du wolltest mich schnellstmöglich loswerden, das begriff ich später und es hat mir meinen Frieden mit der Sache geschenkt. Ich hatte mich eine Weile dafür verurteilt, nicht um dich gekämpft zu haben, es einfach hingenommen zu haben. Aber sodann dämmerte mir, was Bauchgefühl bedeutet. Malin, ich war früher vielleicht in vielerlei Hinsicht ein ziemlicher Trottel, analog zu den meisten Zwanzigjährigen, die in vielerlei Hinsicht ziemliche Trottel sind, weil ihnen einfach ein paar Infos fehlen. Gleichwohl war mein Bauch damals der klügste Teil von mir und ich habe irgendwann begriffen, welch unangenehmes Gezerre ich uns erspart habe. Du wolltest den Haken setzen. Du bist von meinem Balkon in die Wohnung gegangen und von meiner Wohnung ins Treppenhaus und von meinem Treppenhaus hinaus auf die Straße und aus meinem Leben. Dass wir gar nichts dazu gesagt hatten, das fand ich schon schräg. Ich war mir zuerst offen gestanden nicht sicher, ob wir nicht vielleicht weiterhin zusammen sind, ich die Geschehnisse am Ende einfach nur völlig überinterpretiert hatte und du doch bloß mein Haus verlassen hast an diesen Nachmittag und nicht mein ganzes Leben. Es war ja so schräg. Aber hey, das Leben ist schräg.

Während Morten all das sagt, sitze ich stumm und völlig unbeweglich vor ihm. Es fühlt sich an, als habe Tom seinen alten Wasserkocher angestellt, doch es ist nicht Tom, sondern Morten und der Wasserkocher bin ich und in mir wird mein Blut erhitzt, bis es sprudelt und kocht. Aprupt macht es klick und alles beruhigt sich, bleibt dabei trotzdem noch eine Weile heiß.

Und ich weiß nicht, wie ich dann dazu komme, ausgerechnet das zu entgegnen, aber aus mir kommt eine Frage.

Hast Du eine Partnerin? Ja. Kann ich sie kennenlernen? Ja. Eine Wand voller gezeichneter Bilder von mir.

Theaterfeste im Sommer. Das Semesterticket in der Straßenbahn liegen lassen. Den Bioladen nach echten Vanilleschoten absuchen. Einen Adventskalender aus leeren (Bier)flaschen basteln. Meine Hände wühlen sich durch langes Haar. Wir versuchen einen weiteren Stuhl auf den kleinen Balkon zu bekommen.

Fleischlose Brunches auf Picknickdecken. Losfahren und dann ganz woanders aufkreuzen. Am Jahrestag Straßenbahn fahren. Weinabende in der Küche mit zehn Freunden und zwei Unbekannten.

Mit dem Rad in ein Auto gerauscht und keine Versicherung abgeschlossen.

Mit gerecktem Kinn durch die Gegend laufen. Mir Geld von meiner Mutter leihen. Eine Yogalehrerausbildung beginnen. Drei Katzen aus dem Tierheim anschleppen. Die Yogalehrerausbildung abbrechen. Nackte Zehen auf groben Dielen. Klettern gehen und süchtig danach werden. Mir die Haare abschneiden für den Kontrast. Die Wohnung untervermieten und zwei Jahre Van Life leben, ohne es so zu nennen.

Mich über die Nichtigkeit von Coaches lustig machen. Rumschreien bis die Nachbarn nicht mehr grüßen. Jeden Abend Rückenmassage. Verteilen. Mich schämen und mich schämen, dass ich mich schäme. Zu dritt im Bett liegen. Später als alle anderen ein Smartphone haben. Beim Frühjahrsputz den Dreck aus den Dielen pulen. Am nächsten Tag exakt die ursprüngliche Menge Dreck in den Dielen vorfinden.

Nicht Schweden, sondern Dänemark. Ist das Eis vegan? Hannah mit Mortens Augen. Ihr Haar ist schwarz auf eine Art, die ich gar nicht recht erfassen kann. Isabell. Meine Gedanken rasen in einer Geschwindigkeit, mit der nicht mitzuhalten ist. Dort in diesem Strom ist eine Erinnerung, ich muss lediglich zugreifen, sie rausfischen. Corvo, das sei italienisch, erklärt sie mir lachend, schwarzer Rabe und Morten stimmt ein in ihr Lachen, Isabell, mein Rabe, warum hast du mir vorenthalten, wieviel klangvoller das Wort in deiner Muttersprache ist. Kein Innehalten von ihr, sie antwortet sogleich, ich wollte dir den Spaß nicht verderben, außerdem ist es dein Wort für mich und deswegen auf Deutsch sehr passend. Sie bedenkt ihn mit einem zärtlichen Blick, der derart bildhaft ist, dass ich glaube, ich könnte die Liebe aus diesen Augen in die Hand nehmen und herumzeigen. Völlig überstürzt möchte ich ein Teil dieser Liebe sein, möchte von ihr auf diese Weise angesehen werden, Isabell, der Rabe, breite deine Flügel aus und lass mich darunter. Daneben weckt auch Morten in mir wieder Gefühle, fraglich bloß, ob es neue sind oder die alten. Bei Malina ist es umgekehrt, erklärt er gerade, sie trägt die klangvolle Entsprechung vor sich her, auf Deutsch wäre sie eine Himbeere, fruchtig und süß, es soll nicht gleich jeder wissen. Er zwinkert mir zu. Zwischen der ganzen Italienerin und dem halben Dänen finde ich mich eintönig einheimisch und noch dazu in Erklärungsnot, meine Mutter war keine Russin, erkläre ich also notdürftig, sie mochte nur Russland, es war eine andere Zeit, und die Bedeutung des Namens. Eine hinreißende Bedeutung, strahlt Isabell meine Anflüge von Alltäglichkeit hinweg, die Himbeere, fruchtig und süß.

Wir sitzen in ihrem Garten, eine wahrlich unanständig üppige Oase, allein vom Anblick fühle ich mich verführt, gar nicht zu sprechen von den Düften. Durch die blütengeschwängerte Luft habe ich mir meinen Weg erschlossen zu einem Klappstuhl, der nicht zu den anderen Gartenmöbeln passen will, obwohl sie allesamt zusammengewürfelt zu sein scheinen, nicht aus einem Guss wie beim Großteil meiner Freunde und ihren wochenlangen Modellierungen im Metaverse. Bei Morten und Isabell könnte man glauben, sie wären einfach durch alle Gärten ihrer Nachbarschaft gestromert und hätten hier mal einen Stuhl mitgenommen, da mal einen Hocker und passt schon. Jedes Einzelstück ist geschmackvoll, der von mir erwählte Klappstuhl die einzige Ausnahme, ich weiß nicht, warum ich darauf sitze, mein Körper hat ihn eigenständig anvisiert, einfach so, hat ohne mich entschieden, Morten hat gelacht, Malinchen, du hast anno dazumal gar nicht den Eindruck erweckt, meine Balkongestaltung übermäßig zu schätzen.

Langsam versucht mein Verstand, zu meinem Körper aufzuholen und schafft es schließlich. Herausragendes Körpergedächtnis, merkt Isabell vergnügt an, dreht sich zu Morten und ergänzt um diesen unglaublichen Satz, ihr Arsch hat ein besseres Erinnerungsvermögen als alle Teile von dir zusammen, Morten, warum hast du mir nicht erzählt, wie grandios sie ist! Er reagiert auf sie mit einem warmen Lächeln, seine Pupillen huschen aber zu mir, als würde er prüfen wollen, ob ich es verkrafte. Ich sehe ihn Austarieren und bin beeindruckt von seiner Empathie, die mir in der Form früher nie aufgefallen ist. Ist es sein Alter? Nennt man sowas Weisheit? Warum bin ich nicht so? Isabells Satz hallt in mir nach, sie hat das wie betont, was nur bedeuten kann, dass er ihr erzählt hat, ich sei grandios, bloß eben nicht w i e grandios. Ich bin auf einmal ein Kind, das von beiden Eltern gelobt und umarmt wird, weil es eine gute Note nach Hause gebracht hat, unerwartet von allen, oder trifft es das? Was in mir wirkt ist warm wie die Liebe zweier Eltern, die Aussicht ein ganzes Wochenende mit ihnen gemeinsam zu verbringen und sehr viel Eis spendiert zu bekommen, aber da mischt sich noch eine andere Note hinein, keine kindliche Regung, Erregung ist es, ich bin erregt seit Isabell etwas über meinen Arsch gesagt hat und jede Sekunde könnte es soweit sein, und der ganze überbordende Frühlingsgarten in mich eindringen, seine Säfte in mich hineinschwappen, als würde diese verschwenderische Freigiebigkeit des Aprils jeden Winkel meines Körpers mit seiner Reichhaltigkeit füllen, überall Blätter, Blüten, Stängel, nur keine Wurzeln, nur bunt und grün und satt, alles im Überfluss, ergiebig genug, keinen Raum in mir leer zu lassen, doch irgendwo endet jeder Körper, die Wände werden durchbrochen, meine Knochen bersten, Muskeln und Sehnen reißen, die Haut platzt auf und der Garten bahnt sich weiter seinen Weg, ich bin nun ein Teil von ihm, dabei bin ich nicht mehr zu erkennen. Unruhig rücke ich meinen Arsch auf dem Klappstuhl zurecht und bin erstaunt, dass ich noch sprechen kann. Euer Garten ist wunderschön.

Völlig zusammenhangslos, doch Isabell quittiert auch diese Einlassung von mir mit einem Lächeln. Ihre Zähne sind unnatürlich weiß, vielleicht bleicht der Zahnarzt sie ihr, denn der gefüllte Aschenbecher auf dem Tisch legt den Verdacht nahe, dass hier geraucht wird. Oder Isabell ist immun gegen die Hässlichkeiten des Tabaks. Sie ist ein reifes Schneewittchen in einem Märchenland von Garten ohne Zwerge, auf ihrer Nase sitzen ein paar Sprenkel der Sonne, ansonsten ist sie ebenmäßig, weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz, womit nur wurde das Rot verglichen, Morten gießt mir einen Rotwein ein. Um diese Uhrzeit, frage ich überrascht, denn ich hatte mit Kaffee gerechnet, er nickt, du bist jetzt hier, folglich ist jetzt die rechte Zeit. Später gibt es doch noch einen Kaffee, mehrere doppelte Espressi, um genau zu sein, die Isabell mit einer dieser altmodischen Gerätschaften zubereitet, deren Handhabung ich schon früher nicht verstanden habe. Doch vorher trinken wir den Rotwein, schlafen miteinander und erzählen uns unsere Lebensgeschichten, wobei die der beiden eine gemeinsame ist und ich der einzige Ich-Erzähler bin. Später wird mich dieser Unterschied wohl noch sehr beschäftigen, doch in diesen Stunden fällt es mir gar nicht auf, weil unsere Körper eine Einheit bilden. Isabells Haupt ruht in meinem Schoß, vereinzelte Strähnen ihres Haares kleben feucht an meinen Schenkeln, schwarz wie Ebenholz. Morten ist ein wenig hochgerutscht, lehnt sich halb sitzend, halb liegend an das Kopfteil des Bettes, er streichelt hauchzart mein Schlüsselbein, ich lehne mich an ihn und erzähle von Tom, den Kindern, dem Hund, der Arbeit, den Reisen nach Schweden. Sie erzählen von Italien, Wohnprojekten und Ausstellungen, davon dass sie eine Zeit lang versucht haben, ein Kind zu zeugen, das Scheitern letztlich aber als Fügung der Natur hingenommen haben, sie jedoch wünschten, sie hätten es nicht erst nach fünf Behandlungen, sondern eher eingesehen, von einem Italiener namens Roberto, mit dem sie vier Jahre und einer Französin namens Juliette, mit der sie acht Jahre zusammen gelebt haben, davon auf welchem Wege sie an das Haus mit dem wunderschönen Garten gekommen sind, ein schierer Zufall rund um eine ältere Dame, die im Supermarkt versucht hatte, mit Bargeld zu bezahlen und sich weigerte, eine der gängigen Zahlungsarten zu wählen. Ich höre ihnen zu und stelle mir all das vor meinem geistigen Auge vor, ich sehe einen Film, dazwischen kurze Einspieler der denkbar jüngsten Vergangenheit, Morten, der mir das Kleid über den Kopf zieht, Isabell, die meine Schamlippen sanft aufspreizt, Morten, der mir die Pobacken auseinanderzieht und von hinten in mich eindringt, Isabell, die auf meinen Kitzler haucht, Morten, der meine Brüste fest umgreift, Isabell, die mit ihrer Zunge Buchstaben zwischen meinen Beinen formt, Morten und Isabell, nicht Morten oder Isabell, alles gleichzeitig, nicht abwechselnd, alle in mir, an mir, mit mir, ich verliere den Verstand, finde ihn wieder, nehme Isabells Gesicht in meine Hände und küsse ihren blutroten Mund, glaube weinen zu müssen, die Tränen vermischen sich mit unserem Schweiß oder auch nicht, Blut war es, mit dem Schneewittchens Rot verglichen wird. Eine Frau ist ein Mann ist eine Frau ist ein Mann ist eine Frau bin ich aber weiß nicht mehr wo ich beginne und wo ich ende und wer hier eigentlich was mit wem treibt, doch ich lasse mich treiben, lasse geschehen, bin Teil des Geschehens, bin jetzt Teil ihres Lebens, erst Roberto, später Juliette, jetzt ich.

Nach dem dritten Espresso setzt die Wahrnehmung der Außenwelt ein und mir wird gewahr, dass ich verheiratet bin. Nicht mit den beiden, mit Tom. Ich bin nicht Roberto oder Juliette, wie sollte ich mit ihnen zusammenleben. Ich würde so gern. Ich würde so gern in ihrem Garten sitzen und den Blumen beim Leben zusehen. Morgens würden sie erwachen und ihre Blüten sich öffnen, um das Sonnenlicht zu empfangen. An einem heißen Tag würde Isabell je nach Stimmung mit dem Schlauch oder der Gießkanne aus Blech zwischen ihnen umherschweben und sie wässern. Sie würde keine Hose tragen, lediglich einen Slip und ein weit geschnittenes helles Oberteil mit Spagettiträgern, vielleicht aus Seide, die schwarzen Haare locker hochgesteckt. Die Blumen würden das Wasser aus dem Boden ziehen, die Nährstoffe, alles, was sie bräuchten, wäre entweder bereits da oder würde ihnen von Isabell gegeben. Mittags mit der Sonne im Zenit würden sie ihren Höhepunkt erreichen, und vielleicht würden einige von ihnen die Blüten in den heißen Nachmittagsstunden schließen, um nicht zu viel vom kostbaren Wasser zu verlieren. Im Verlauf des Nachmittags wären überall Bienen und Schmetterlinge, sie würden die Pollen weitertragen, das Leben, noch mehr Blumen, immer aufs Neue und alles von vorn. Bei Sonnenuntergang würden alle Blüten sich schließen, die Blumen ruhen und ich auf meinem Klappstuhl mir ein Glas Weißwein einschenken und Morten würde unbemerkt einen Eiswürfel hineinplumpsen lassen oder zwei und Isabell würde lachen und ihre weißen Zähne zeigen und ich wöllte sie ablecken. Am nächsten Tag ginge das Schauspiel von neuem los und immer so weiter, denn das ist das Leben, aber die Wahrheit ist, dass es genauso ohne mich stattfindet. Diese Erkenntnis frisst mich auf. Und woher überhaupt nehmen sie das Wasser für diesen Garten, das ist doch gar nicht erlaubt. Manchmal zieht die Welt in weißen Flusen an mir vorbei. An den guten Tagen halte ich sie für Pollen, die vom Frühling künden. An schlechten Tagen ist es die Asche aus den Krematorien, in denen meine Träume verbrannt werden. Heute ist ein schlechter Tag.

Ich kratze mich aus dem Bett und schaue dem Staub beim Tanzen zu. Durch einen kleinen Spalt zwischen den Vorhängen fällt Licht ins Zimmer und um mich selbst für meine Lethargie zu bestrafen, reiße ich die Vorhänge auf und die Sonne dringt weiter ein. Jeder Fleck auf dem Douglasienparkett wird sichtbar, es ist ein grausiges Spektakel. Ich wende mich ab und wandle mit geschlossenen Augen ins Bad, doch kann ich dem Elend auch hier nicht entfliehen, der Boden klebt. Meine hornhautverdorbene Ferse haftet einen Moment länger als es behaglich wäre an den Fliesen, auf Zähneputzen habe ich plötzlich keine Lust mehr. Ich rubbel mit dem Zeigefinger meine Vorderzähne ab und schöpfe Wasser, um mir den Mund auszuspülen. Ich nehme zu viel, versenke die Nase mit in die Handkuhle und inhaliere das Wasser, wie Säure zieht es mir durch die Atemwege, ein scheußliches Gefühl. Ich will niesen, doch es gibt keine Befreiung.

Ich hatte es mir leicht vorgestellt, doch es ist nicht leicht. Es geht viel weniger um die Liebe und viel mehr um die Gewohnheit. Tom war wie ein Arm von mir und ich habe ihn mir selbst herausgerissen. Der Phantomschmerz scheint an manchen Tagen unerträglich. Dann liege ich von früh bis spät auf der Ottomane, starre die Decke an und tu mir selber leid. Ab und zu schaut Hannah vorbei und meckert mich an bis wir rausgehen. Daraufhin läuft sie mit mir um den Block, als wäre ich demenzkrank und sie meine Betreuerin für die nächste Schicht. Aber ich bin nicht demenzkrank, ich bin nur amputiert. Ich kann mich an alles erinnern, das ist ja Teil des Problems. Ich kann mich entsinnen, doch was soll das eigentlich heißen, ent-sinnen, ganz im Gegenteil, die Sinne belagern mich, überlagern sich, wuchern und wachsen, mit pelzigem Kopf trotte ich neben meiner Tochter her. Papa kommt klar, wiederholt sie ihr Mantra, es ist okay. Es ist okay. Es ist okay, dass ich meinen Mann verlassen habe. Es ist okay, dass ich eine eigenständige Entscheidung für mich selbst getroffen habe. Es ist okay, sich einzugestehen, dass es Zeit für etwas Anderes ist. Es ist okay, nach so vielen Jahren zu gehen. Es ist okay, wenn die Kinder groß sind. Es ist okay, dass ich meinen Mann verlassen habe. Ist es okay, dass ich meinen Mann verlassen habe. Ist es okay, dass ich diese Entscheidung getroffen habe, nachdem ich mich von meinem Ex und seiner Frau habe vögeln lassen. Ist es okay, dass ich meinen Kindern eine Zukunft genommen habe, in der sie ihre Kinder mit Oma und Opa in den Urlaub schicken können. Ist es okay, dass mein Mann kämpfen und arbeiten wollte und ich es nicht zugelassen habe. Ist es okay, dass ich gegangen bin, obwohl er so nett war. Ist es okay, dass ich darüber nachdenke, mit Morten und Isabell zusammen zu sein, aber es unterdessen nicht ertragen kann, dass sie all die Jahre zusammen waren und es immer noch sind und ich in der Zeit mit Tom zusammen war und es nicht mehr bin. Mein Leben erweist sich als abgebrochen, inkonsistent, mangelhaft. Ist das okay? Eine Erinnerung wird hochgespült, ich als Kind in der Badewanne, neun oder zehn Jahre alt. Ich saß im lauwarmen Wasser und stellte mir mein zukünftiges Leben vor. Im Grunde tat ich das ständig, nachdem das Spiel mit dem Plasteboot und das Ausschenken imaginären Bieres mit perfekter Schaumkrone im Zahnputzbecher meiner Mutter langweilig geworden war, weil es Kinderspiele waren, wobei das Kind in mir schrumpfte und die Erwachsene wuchs. Ich wuchs nicht bloß körperlich in die Badewanne hinein, musste keine Angst mehr haben, wegzurutschen und mich unter Wasser um die eigene Achse zu drehen, auch meine Vorstellungskraft erschloss sich neue Räume. Ich stellte meinen Kassettenrekorder auf den Klodeckel, legte eine Kassette ein oder hörte Radio und dann dachte ich an Jungs und Liebe und vielleicht ein ganz klein bisschen an Sex. Das Radio rauschte stets, weil ich irgendwann auf die Antenne getreten war und ähnlich undeutlich waren meine Vorstellungen zum Thema, was Jungs und Mädchen miteinander tun könnten, geschweige denn Männer und Frauen. Hatte ich noch vor einer Weile beim Anblick zweier nackter Schauspieler im Tatort meiner neben mir auf der Couch sitzenden Mutter empört erklärt, wenn ich mal einen Mann hätte, müsste der aber im Bett die Schlübbi anlassen, Ausrufezeichen Ekel Ekel, so schien mir wenig später dieser Weg vielleicht doch gangbar und sogar einen gangbang stellte ich mir einmal vor, allerdings mehrere Frauen mit einem Mann und ich bekam erst viel später mit, dass die Standardvariante andersherum läuft. In jedem Falle ging es in meinem pubertären Oberstübchen ziemlich drunter und drüber und ab und zu auch ab, aber mein Lieblingskopfkino in der Badewanne galt dem Jungen, mit dem ich eines Tages verheiratet sein würde. Die Erkenntnis, der liefe ja zu dem Zeitpunkt längst leibhaftig irgendwo in der Gegend rum, in dieser Sekunde, auf diesem Planeten, traf mich wie ein Schlag und ab da gab es kein Halten mehr. Stunde um Stunde gab ich mich den Fantasien über meinen zukünftigen Ehemann hin, während das Badewasser mich in eine Rosine verwandelte. Natürlich beinhalteten diese Träumereien in keinster Weise das, was mir jetzt widerfuhr, ein Ende.

Hannah wirft einen mitleidigen Blick auf die vertrocknete Blumenrabatte neben der Eingangstür. Die automatische Wässerung wurde abgestellt, erkläre ich, als läge das in meiner Verantwortung. Es reicht nicht mehr. Ich weiß, seufzt meine Tochter, und in ihren Augen sehe ich einen Schmerz, der meinen eigenen spiegelt, obwohl er von ganz woanders herrührt. Hannah ist da für mich, doch hält meine Probleme letztlich für nichtssagend und klein angesichts der Krisen, denen ihre Generation sich stellt. Eine selbstmitleidige Mutter ist höchstens eine Randnotiz in der globalen Katastrophe, die sich außerhalb meiner Zweizimmerwohnung abspielt. Ich weiß es, und schaffe es trotzdem nicht über mich selbst hinaus. Unweigerlich wandern meine Gedanken zu Morten und Isabell und ich verstehe nicht, warum ihr Garten gedeihen kann. Müssen sie sich nicht ebenfalls beschränken?

Ich betrachte meine die toten Blumen betrachtende Tochter und stelle fest, dass sie in letzter Zeit schöner geworden ist. Ihr dunkelblondes Haar ist dichter und lockiger, vielleicht dreht sie es ein, vielleicht ist es Glück. Sie hat Toms kakaobraune Augen, die ihr einen warmen Ausdruck verleihen, Augen unter deren Blick man sich entspannen kann. Ich habe ihr Aussehen parallel zu meinem immer durchschnittlich eingeschätzt und nun vergleiche ich uns und erkenne, dass sie schöner ist als ich. Auf der Stelle schelte ich mich für diese Erkenntnis, unterdrücke sie nach Kräften, doch das damit verbundene Gefühl von Unterlegenheit nimmt den freigewordenen Platz ein und lässt sich nicht so leicht verdrängen. Dieses Gefälle entfernt mich von ihr, denn wir können nicht länger Verbündete sein in unserer Gewöhnlichkeit. Vielleicht waren wir es nie, vielleicht war es ein Selbstbetrug. Mama, du bist sehr schön, hat Hannah mir einmal gesagt da ich wehleidig vor dem Spiegel hing und versuchte, dem nichtssagenden Anblick mit Make-up mehr Bedeutung zu verleihen. Sie muss damals sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, ein Grundschulkind. Ich lächelte sie durch den Spiegel hindurch an und es schenkte mir Frieden, in ihr diese Mischung aus mittelblond, mittelschlank und mittelmäßig zu sehen. Als junge Frau hat Hannah die Mitte verlassen, doch womöglich ist es ihr gleichgültig, womöglich haben die Krisen dieser Zeit ihr den Druck genommen, schöner als irgendjemand sonst sein zu müssen. Sie konnte in aller Ruhe heranreifen ohne sich den Weg mit selbstauferlegten Diäten, Gurkenmasken und zu viel Kajal zu erschweren. Ich bin neidisch und voller Bedauern zugleich.

Geh mal wieder unter Leute, empfiehlt die Tochter mir zum Abschied und ich werde ihrer Aufforderung nachkommen. Ich steige die Stufen zu meiner Eingangstür hinauf und zähle sie. In Kindertagen lief ich hinunter bis ganz unten, wenn ich mich verzählt hatte und fing von vorne an. Ich kam erst oben an, wenn alles perfekt war. Dafür fehlt mir heute die Kraft. Ich muss sie mir einteilen, sie muss reichen, um Morten eine Nachricht zu schicken. Wenn ich es heute nicht schaffe, ist vielleicht meine letzte Chance vertan. Umso älter ich werde, desto häufiger spüre ich die Endgültigkeit, die Fristen, die Türen, die sich bald schließen. Eltern sterben, Freundinnen erzählen von Menopausen, die Männer erkranken an Prostatakrebs, sie verlieren die Haare und werden fett. Der Krebs ist nur noch selten ein unlösbares Problem, doch die Haare bleiben fern. Wie können wir in einer Welt leben, in der keine Spermien mehr für die Zeugung benötigt werden, aber es immer noch kein wirksames Haarwuchsmittel gibt. Diese Existenz ist so absurd. Ich scheitere. Wieder und wieder. Ich scheitere bei den Tomaten, ich scheitere bei den Auberginen. Ich versuche es aufs Neue bei den Nüssen und den Samen, doch auch dort scheitere ich. Eine letzte Chance gibt es vielleicht an der Proteintheke.

Und es scheitert ein weiterer vergeblicher Versuch, Blickkontakt mit ihm aufzunehmen. Er will mich einfach nicht sehen. Bin ich wirklich schon dermaßen alt, dass die Männer einfach durch mich hindurchsehen? Er ist jünger als ich, da bin ich mir sicher, doch nicht nennenswert. Und mir sieht man mein Alter nicht an, das wird mir wieder und wieder bestätigt. Algove hat mich wieder und wieder mit jüngeren Männern gematcht, ich habe den Wert einer Fünfzigjährigen und was im Metaverse gilt, sollte doch analog hier genauso gelten, im Biomarkt, dem letzten Refugium leibhaftigen Einkaufens in der ganzen Stadt.

Der Biomarkt, so schlicht der Name, so revolutionär die Idee. Ewiggestrige können hier gleichermaßen einkaufen gehen wie Retrogläubige, die predigen, der Blick zurück ermögliche eine bessere Zukunft, weil wir uns verrannt haben. Hannah ist eine von ihnen und aus diesem Grund hat sie mir den Laden empfohlen, in dem ich vermutlich eher eine Ewiggestrige bin.

Mir ist das einerlei, das Einkaufen gefällt mir und es erinnert mich an frühere Zeiten, in denen ich Hannah und Noah in Einkaufswagen gesetzt habe, einen in die Klappe vorn, die Beinchen durch und zu mir gedreht, den anderen direkt in den Einkaufswagen zusammen mit all den Lebensmitteln, als hätte ich ihn oder sie gerade erst für zwölf Euro neunundneunzig erstanden. Zum Zeitvertreib durften die Kinder die Waren prüfen, betasteten sie, die Verpackung oder die Schalen von Obst und Gemüse, frisch genug, nicht frisch genug, hey, lass das zu, nicht rumknibbeln, nicht aufreißen, wir müssen erst noch bezahlen, Noah! Mein Puls war am Ende jedes Einkaufs im anaeroben Bereich und doch präsentieren sich mir diese Bilder heute in den sattesten Farben, bunt und wild, es war das Leben, nichts stand still, alles war in Bewegung. Man sagt, Erinnerungen verblassen mit der Zeit, doch es ist umgekehrt. Die Erinnerungen werden immer leuchtender und die Gegenwart ist blass und still, sie fällt ab gegen die Turbulenzen von früher in ihrer Monotonie und Trivialität, in der ich es nicht einmal schaffe, Blicke mit dem Mann in der dunkelblauen Leinenhose auszutauschen, der mir so gut gefällt. An der Kasse stehe ich hinter ihm. Ich habe seit Jahren nicht mehr an einer Kasse gestanden und keinen Schimmer, wie es geht, ich werde nervös. Ich hätte Hannah mitnehmen sollen, aber war der Meinung, alleine eine spannendere Erfahrung zu machen.

Ich bin dieser Tage oft allein und genieße es im Grunde, doch diese blaue Leinenhose hat etwas in mir geweckt, in Gang gesetzt, ein altes Programm, das mein Körper nun abspielt, koketter Blick, Mundwinkel nach oben, auffällig durchs Bild laufen, Blicke fangen, zurückwerfen, erneut fangen, vorsichtig damit rumspielen, hin und her, doch es gibt nichts zu fangen, er wirft ja nicht. Das war doch irgendwann mal anders gewesen oder war es das etwa nicht? Romantisiere ich den Tanz der Geschlechter ebenso wie das Verhalten meiner Kinder, heute von mir als liebenswert bezeichnet und damals einfach nur unerträglich nervig empfunden? Haben wir Menschen uns früher angesehen? Ich kann das alles beim besten Willen nicht mehr auseinanderhalten.

Mama, pass ja auf, dass sich nicht noch jemand belästigt fühlt, sagt meine Tochter mir später in einem Meet-up. Wiebittewasbelästigtgefühlt!? Von mir? Hannah erzählt mir von Komfortzonen und feel-good areas und ich schnauze ihr rein, ich wisse sehr wohl, was Proxemik bedeutet, doch das meint sie gar nicht. Es ginge darum, niemandem was auch immer aufzudrängen und das habe ich letztlich schon allein mit meiner Erwartung getan. Der Typ in der blauen Leinenhose, Hannah bezeichnet ihn bloß als Typ, weil ich ihn entsprechend nenne, sie betont das Wort ironisch und straft mich damit ab, habe vielleicht und höchst wahrscheinlich überhaupt keine Lust auf meine Gedanken. Müsse er ja letztlich nicht, die Gedanken seien frei, entgegne ich und eine uralte Melodie spült mein Hirn, aber natürlich kennt Hannah den Song nicht und reagiert in keiner Weise darauf. Leute würden sogar aus dem Metaverse gebannt, wenn sie feel- good areas anderer nicht achteten, viel krasser sei das doch dann erst im real life. Ich habe ihn doch nicht betatscht, rufe ich aus und die Empörung steigt mir in den Kopf, da winkt Hannah ab und mir fällt auf, wie fließend die Bewegungen ihres Avatars wirken. Man sieht, sie hat das Update durchführen lassen und ich nicht. Meine Bewegungen sehen aus wie die einer alten Frau mit Arthrose, was letztlich passt, weil ich eine alte Frau bin oder jedenfalls älter als die meisten um mich herum. Arthrose habe ich trotzdem nicht, das bleibt meinem Avatar vorbehalten. Du hast mir doch diesen Laden empfohlen, weil da Leute rumspringen, die Lust auf die echte Welt haben, starte ich einen letzten Versuch, die Tochter noch auf meine Seite zu ziehen. Es schmerzt mich, dass sie nicht die leiseste Ahnung zu haben scheint, was ich ihr sagen will. Einkaufen in der echten Welt, Mama. Matching gehört dort nicht hin, dafür gibt es Algove.

Das Gespräch mit Hannah klingt lange in mir nach und zum ersten Mal in vielen Jahren fühle ich mich nicht allein, sondern alleingelassen. Da ist sie wieder, die Einsamkeit. Ich bin allein im Universum. Die Erkenntnis rieselt wie Asche in meinen Verstand und schließlich ist das Häufchen zu groß, um ignoriert zu werden. Der Typ in der blauen Leinenhose wollte nicht nicht mit mir flirten, er konnte nicht, er wusste gar nicht wie es geht. Ich selbst war ja gewissermaßen auf Autopilot und dabei selbst sehr unbeholfen, die Aktion im Biomarkt war nur ein Aufbäumen, letzte Kräfte aus einer alten Zeit. Mir wird bewusst, dass ich seit Jahren, vielleicht seit Jahrzehnten kein Kompliment mehr von einem Mann bekommen habe, keine aufmerksamen Blicke von anderen Frauen. Ich sehe es überdies nicht bei anderen, nicht bei Jungen, nicht bei Alten, natürlich nicht, dafür gibt es Algove. Ich erinnere mich an das letzte Mal Liebe, mit Morten und Isabell in der Korbschaukel in ihrem Garten. Wir lagen uns darin in den Armen, drei Erwachsene auf einem Spielgerät, das sie gekauft hatten, um den Schmerz der Kinderlosigkeit zu lindern. Ich lag zwischen ihnen, Schläfe an Schläfe an Schläfe, die Liebe ronn uns durch die verschränkten Finger und wir trauerten, obwohl wir noch beieinander waren. Sie wussten, dass ich gehen würde und ich wusste, dass sie es verstanden und unter diesem Umstand besonders litten. Es ist das Los der klügsten Menschen, der grausame Preis, den das Schicksal ihnen im Tausch für ihre Klarsicht abverlangt, sie haben keine Ruhe vor der Ambivalenz des Lebens. Ich bin nicht wie sie, ich konnte den Moment genießen, ganz und gar ihren Duft in mich aufnehmen und mit der Naivität eines Kindes hin- und herschwingen, das Kind sein, das sie nie hatten. Erst zuhause weinte ich, wimmerte tagelang und realisierte, was ich verloren hatte. Ich war nicht stark und nicht tief genug für diese Liebe. Ein Leben lang hatte ich danach gesucht, doch in ihrer Leibhaftigkeit, frei von der Flucht in innere Schlösser aus Luft, war sie für jemanden wie mich gar nicht auszuhalten. War es so oder war es die Angst, dass es so sein könnte? Vielleicht hatte mich letztlich die Angst von ihnen fortgetrieben, die ich doch eigentlich hoffte, besiegt zu haben. Doch Angst besiegt man nicht, man trägt sie Schicht für Schicht ab und ein Rest bleibt immer zurück. Sein Brustkorb hebt und senkt sich. Sie atmet tief ein. Er hebt die rechte Hand und spreizt die Finger. Sie legt ihre Hand in seine. Sie halten Händchen. Er lehnt sich nach hinten. Sie lehnt sich nach vorn, zu mir. Er bewegt sich noch minimal schwerfällig, sagt sie und ergänzt lachend um die Anmerkung, das falle hier ja nicht weiter auf. Wir sitzen im Café und es ist voller alter Leute. Susanne hat mich eingeladen, wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Beim jüngsten Treffen hatte Christian noch gelebt.

Aber wenigstens bewegt er sich wieder, konstatiert sie und das letzte Wort löst bei mir Unbehagen aus. Es stimmt, er bewegt sich und stimmt sogar in unser Gespräch ein. Er klingt wie Christian, er schaut wie Christian, er sagt, was Christian sagen würde. Mir ist klar, dass die beiden diesen Schritt jahrelang vorbereitet haben, sonst wäre das Ergebnis nicht so gelungen. Er hier ist das Ergebnis, die Ansammlung zahlloser Videoaufnahmen und Chatgespräche, eine Flut an Informationen, geteilt und gebändigt durch eine Intelligenz, mit deren Strukturierungsgewalt wir es nicht aufnehmen können. Es hat keine Trauerfeier gegeben und vielleicht somit keine Trauer. Letzteres ist bloß eine Vermutung von mir, ich weiß nicht, was in Susannes tiefstem Inneren vor sich geht, doch wie sie hier vor mir sitzt, wirkt sie zufrieden. Ich weiß ebenso wenig, was in dieser Version von Christian vor sich geht, ob er innen auch Christian ist oder doch nur eine imposante Puppe und folglich fällt es mir schwer, auf ihn zu reagieren. Ich bin bemüht, eine normale Konversation zu spielen und Susanne spielt mit. Das konnte sie schon immer. Als sie sich verabschiedet, bin ich erleichtert. Er geht vor. Sie dreht sich noch einmal zu mir um und sagt, es funktioniert. Danach atmet Susi tief aus und geht.

Es funktioniert. Doch nicht für mich. Für mich geht nichts mehr seit diesem Moment. Seit diesem Moment vor einundzwanzig Jahren bin ich umgepolt, invertiert, abgestellt. Abgestellt für die Neuerungen dieser Zeit, unempfänglich, unfähig mich ins Metaverse einzuchecken, von Neuem dreißig zu sein und mich mit dreißigjährigen Avataren zu treffen, obwohl die Leute dahinter vielleicht fünfundsiebzig sind wie ich oder auch nicht. Es ist irrelevant, sagen mir alle, du kannst mittlerweile da alles machen, wofür du früher das real life brauchtest, es ist tatsächlich noch besser, wenn du keine Lust mehr hast, checkst du einfach aus, keiner kann dir auf die Pelle rücken, niemand bedrängt dich, es ist total sicher, du hast die volle Auswahl, alle sind da, es ist die totale Freiheit, aber du hast null Stress, weil dir eh ausnahmslos die angezeigt werden, die zu dir passen, es ist absolutely easy. Außer man ist raus.

Noah ist raus, das hat Hannah mir erzählt, doch sie konnte mir nicht erklären, warum. Er hat etwas gemacht, das man nicht macht, so ihre knappe Darstellung. Kein Kommentar, Mama, so seine noch knappere Darstellung. Bei ihm dringe ich nicht tiefer. Bei Hannah bleibe ich dran und erfahre irgendwann von ihr, dass er einen weiblich gelesenen Avatar zu schnell auf ein reales Treffen eingeladen hat, eines im real life, der Mensch dahinter hat ihn gemeldet. Zumindest sei das Noahs Vermutung, das System begründet nicht, das ist bekannt.

Damit ist er abgeschnitten. Nichts geht mehr. Wie bei mir. Aber anders. Ich könnte, aber ich will nicht. Ich bin umgeworfen, rausgehauen, Überschlag. Die Schaukel hat alles verändert. Wie könnte ich solch einen Moment erlebt haben und allen Ernstes zurückkehren zu den Illusionen, den Luftschlössern und den Dauerzweifeln, den Rückblenden und Vorausschauen, den Verzerrungen und Verzögerungen, den Filtern, den Blenden, den Blendern. Ich war da, ganz da und kann nun nicht mehr irgendwo dazwischen sein. Zuerst bedauerte ich es, ich trauerte und weinte und klagte. Doch irgendwann sah ich es nicht mehr als Scheitern an und das war neu.

Ich verlasse das Café der alten Leute, das früher in der Form nicht funktioniert hätte, weil es über eine Treppe zu erreichen ist. Eine Erinnerung drängt sich mir auf, meine Mutter wie sie versucht, die Stufen zu ihrer Wohnung ein letztes Mal zu steigen und dabei scheitert, ihr Knie angewinkelt und ohne Vorwarnung erstarrt, eingefroren, der Kopf konnte noch schalten, das Bein nicht mehr reagieren, der schlimmste aller Zustände, ein funktionierender Geist in einem kaputten Körper. Das ist die Unausweichlichkeit, dachte ich da, während ich hinter ihr stand und für einige Herzschläge unfähig war, zu reagieren. Ebenfalls erstarrt. Eingefroren. Doch bei mir war es der Verstand und nicht der Körper, der hätte gekonnt, nur wo blieb das Signal. Mein Hirn berechnete seine eigene Endlichkeit und war mit dieser Aufgabe vollständig ausgelastet, keine Ressourcen mehr für die augenscheinliche Notwendigkeit, der Mutter zu helfen. Wer könnten wir sein, wenn wir nicht um unser eigenes Ende wissen müssten. Als ich wieder zu mir kam oder vielmehr aus mir heraus, starrte meine hilflose Mutter mich an. Ich schämte mich augenblicklich und fühlte mich sehr klein.

Hätte jene Mutter es in meinem Alter hier über diese Treppe hinein in dieses Café geschafft, natürlich nicht, wie sehr bestimmen doch bei aller Individualität und jedem Triumph des Willens zum Trotz, die Möglichkeiten der Welt unsere eigenen Möglichkeiten, und in diesen Gedankengang hinein sehe ich ihn, der mit einer Hand auf dem Geländer am Treppenende steht.

Er scheint dort zu warten und ohne jedwede Berechtigung entsteht in mir der Eindruck, er warte auf mich. Alles ist unverhofft eindeutig, er ist unten, ich bin oben, und natürlich ist das totaler Humbug, da ich ihm in Wirklichkeit im Weg bin und er schlichtweg wartet, bis ich ihm aus dem Weg gehe oder aber den Weg freigebe ins Café der Alten.

Die Sonne scheint auf sein rotblondes Haar und als er das Haupt hebt, mutet der Anblick seltsam an. Irgendetwas stimmt nicht, die Gesichtszüge sind zu furchig. Müsste das Haar nicht grau sein. Ich sehe ein altes Gesicht zu jungem Haar, ist es bei den Männern heute nicht zumeist andersherum, das Grau eine Trophäe, die Falten vermeidbar.

Ich betrachte den ganzen alten Mann. Wahrscheinlich ist er jünger als ich selbst, aber vermutlich nicht viel. Vergleiche sind schwierig, doch wir haben unsere Gemeinsamkeiten. Auch meine Falten wären vermeidbar, auch ich habe mich dazu entschlossen, sie zu tragen wie einen alten Mantel, von dem man sich nicht trennen kann. Auch meine Haare sind nicht grau, doch sie wären es, hätte ich mich hier nicht anders entschieden, gegen die Natürlichkeit, in völliger Willkür, denn warum sollten Falten akzeptabler sein als graues Haar oder andersherum, man verliert doch leicht den Überblick bei all den Möglichkeiten und daher suche ich Halt in dem, was schon immer war, wie es früher war und wenn mich meine Erinnerung nicht ganz trügt, ging man früher schon zum Friseur und ließ sich die grauen Haare färben, rot, blond, braun, schön, jung und so mache ich das auch.

Er jedoch nicht, da bin ich mir sicher, diese roten Haare sind Natur und wecken in mir eine plötzliche heftige Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit. Alle sagen mir, es sei doch letztlich einerlei, was echt wäre und was nicht, weil allein der Nutzen zähle, die Erfahrung, das Erleben, aber ich kann das Erleben nicht annehmen, wenn kein richtiges Leben darin steckt.

Doch das hier ist das Leben, wenngleich die letzte Phase. Zumindest hoffe ich ersteres und prüfe sicherheitshalber meinen Schmerzimpuls, schlage mir kräftig mit der Faust auf die Brust, Schmerz, Realität. Er sieht es und schmunzelt darüber, die Zähne kommen zum Vorschein, große Vorderzähne, Hasenzähne, überdimensional große Ohren, er ist ein alter Hase. Fast bin ich überrascht, dass er sich nicht hoppelnd auf mich zubewegt, er läuft wie ein richtiger Mensch, zwei Schritte die Treppe hinauf, und sprechen kann er auch.

Darf ich, fragt er mit längst vergessener Höflichkeit und deutet mit einem Nicken an, die Treppe weiter erklimmen zu wollen, jene Treppe, an deren Absatz noch immer eine verwirrte, ältere Dame ausharrt. Natürlich, antworte ich aus einem alten Impuls heraus und lächle.

Er steigt zu mir hinauf und lächelt ebenfalls. Wir lächeln uns also an. So einfach kann es sein. Auf Augenhöhe sind wir nun, er wohl größer als ich, doch die letzte Stufe, auf der ich stehe, hebt den Abstand auf.

Wollen wir uns reinsetzen, fragt er ohne es wie eine Frage klingen zu lassen. Ich komme gerade erst aus dem Café, denke ich. Sehr gern, sage ich und wir gehen hinein, setzen uns an den erstbesten freien Tisch und schauen uns an.

Sie können sich gewiss sein, das hier ist echt, sagt er als Nächstes und ich stutze. Diese Formulierung mutet eigentümlich an.

Ich bin echt, schiebt er hinterher. Das ist schön, merke ich an. Das ist es. Obwohl es Tage gibt, an denen es mir ein Nachteil zu sein scheint.

Wie meinst du das? Meine Frau ist vor drei Wochen gegangen. Das tut mir leid. Es war an der Zeit. Sie hat es selbst entschieden und doch war ich entsetzt, als es geschehen ist.

Kurz erwäge ich, ihm von Susannes Grief-Tech Empfehlungen zu erzählen, entscheide mich jedoch dagegen. Vermutlich ist er im Bilde darüber und hat seine Gründe, es nicht eingerichtet zu haben.

Was war der schlimmste Moment? Der war heute Morgen. Während ihre Urne in dem Loch verschwand, realisierte ich, dass ein unweigerlicher Schlusspunkt erreicht ist. Sie ist beerdigt worden? Wie ungewöhnlich. Ja. Mir wäre es lieber gewesen, sie in einem Schmuckstück zu tragen, doch die Vorstellung missfiel ihr sehr. Sie hat zeitlebens gern die Kontrolle behalten und ich glaube, sie wollte den endgültigen Abschluss, im Loch verschwinden, fertig. Ich konnte sie immerhin dazu überreden, sich unter einem Baum begraben zu lassen, damit ich unter den Baum sitzen kann. Leicht war es nicht.

Heute unter dem Baum zu sitzen? Sie zu überreden. Vielleicht hat sie befürchtet, zu Teilen in dem Baum weiterzuleben oder dergleichen. Andere Menschen mögen solche Ideen. Sie war anders.

Ich nehme an, dafür hast du sie geliebt. So ist es, er lächelt wieder und sieht sich um. Hier habe ich oft mit ihr gesessen. Du bist mir dabei nie aufgefallen.

Ich bin heute das erste Mal hier, eine Freundin hatte mich eingeladen. Ich bewege mich in letzter Zeit nicht allzu oft raus, ich bin zu müde.

Du wirkst gar nicht müde. Er hat Recht. In diesem Gespräch bin ich hellwach. Mein Leben lang habe ich das Gefühl gehabt, dass die meisten Unterhaltungen nur so an mir vorbeigerauscht sind wie Wasser in einem wilden Fluss, in dem ich als Stein gelegen habe, zu klein, um das Wasser zu brechen, zu groß, um mitgerissen zu werden. Die Fluten haben Partikel von mir abgetragen, mich rundgelutscht, doch im Grunde nichts Wesentliches in mir bewegt, mich nicht bewegt, ich bin liegengeblieben an ein und derselben Stelle. Ausnahmen hat es gegeben. Ausnahmen gibt es noch.

Jetzt bin ich es nicht mehr. Jetzt bin ich wach. Wir zahlen und spazieren los, es bedarf dafür keiner Absprache. Wir laufen die Gasse entlang bis es nicht mehr weitergeht, dort wenden wir uns nach rechts und laufen die nächste Gasse entlang bis es uns linkerhand besser gefällt, hierauf immer weiter bis wir schließlich an eine Straße gelangen, hier ist das Spazieren verboten. Er nimmt meine Hand und sieht mich an.

Du hast mich erkannt, oder? Anfangs war ich mir nicht sicher. Ich habe dich sofort erkannt. Warum hast du mich am Anfang gesiezt? Das macht kein Mensch mehr.

Ich mag es. Ich mag es auch, sage ich nach einer kleinen Pause und sehe in diese Augen, die so grün sind, wie sie es immer waren. Natürlich hätte ich es gleich wissen können. Rotes Haar wird später grau und oft blond, erst am Ende weiß. Dazu die Sommersprossen, die Blässe, die Zähne, die Ohren und die Augen, natürlich die Augen. Aber das kleine Kind in mir hatte die laufende Nase vermisst und darum konnte es nicht Ben sein, denn es gab keinen Ben ohne laufende Nase oder zumindest hatte es ihn nicht gegeben. Bis heute, da es einen neuen Ben gab, der der alte Ben war, ein alter Ben, jünger als ich.

Das kleine Kind jedoch hütet nicht bloß die Erinnerung an die laufende Nase. Eine uralte Regung kriecht in mir hoch, eine lange verdrängte Scham. Vielleicht wollte ich ihn deswegen nicht erkennen. Wenn ich es nicht erinnere, dann ist es nicht geschehen. Mein Herz schlägt schneller, ich wusste gar nicht, dass es das noch kann, es beschleunigt und beschleunigt, hat keinen Platz mehr, droht mir aus der Brust zu springen, doch Ben stellt sich ihm in den Weg, er nimmt mich in den Arm, meine Brust an seinem Bauch, mein Herz kann sich beruhigen, ich höre Bens Stimme, höre ihn flüstern, es ist alles gut, hier ist alles friedlich, hier ist alles ruhig, und es ändert alles. Meine tränennassen Wangen trocknen allmählich an seinem Pullover, ich weiß was los ist, aber er kann es nicht wissen. Und doch ist er für mich da, hält mich hier an dieser Straße, an der das Spazieren verboten ist, in den Armen so lange wie ich es will. Danach gehen wir nach Hause und trennen uns nicht mehr. Drei Wochen später widerfährt uns die Diagnose. Bauchhöhlensarkom im Endstadium. Er hat höchstens noch zwei Monate zu leben. Nicht jede Form von Krebs ist heilbar, erklärt man uns, die seltenen Arten seien schlechter erforscht und deswegen leider immer noch sehr aggressiv und schwer zu behandeln, es tut uns leid.

Es tut mir leid, dass ich dir nicht von dem Umzug erzählt habe, sagt Ben und legt meine Füße in seinen Schoß. Ich habe es versucht an dem einen Abend, herje, ich war schrecklich aufgeregt, ich habe es einfach nicht sagen können. Ich wollte es dir am nächsten Tag verständlicher berichten, aber du kamst nicht mehr zum Kletterpilz. Vielleicht weil es geregnet hat.

Ich schlucke schwer und suche die Worte. Ich hätte dir schreiben sollen, fährt er fort. Aber ich habe mich nicht getraut. Ich war mir obendrein nicht sicher, ob es überhaupt geht, weil du ja viel älter warst. Zwei Jahre. Er lacht. Ist das nicht eine Ironie? Heute scheine ich im Vorteil zu sein. Wenn alle alt sind, ist es automatisch besser, ein bisschen weniger alt zu sein, und nun das.

Und nun das…, wiederhole ich aus trockener Kehle. Nie passt es.

Es hätte nicht besser kommen können, Malin. Überleg doch mal, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Kinder, die nur miteinander spielen, weil sie in ähnlicher Entfernung von einem Klettergerüst wohnen, sich fast siebzig Jahre später in einer Absteige für alte Säcke nochmals über den Weg laufen?

Nicht sehr hoch. Nicht sehr hoch. Aber es ist passiert. Und sogar in einer Zeit, in der die meisten Leute wochenlang ihre Wohnung nicht mehr verlassen, weil es einfach keinen Grund dafür gibt.

Erinnerst du dich an Jurassic Park? Die Natur findet immer einen Weg? Ja, sage ich und muss anfangen zu lachen und er fällt in mein Lachen ein.

Oh Gott, wir sind so alt, rufe ich aus und Ben zieht mir an der großen Zehe. Du bist alt. Ich bin bloß todkrank.

Ich lehne mich vor und lege eine Hand auf seinen Scheitel. Er schließt die Augen und ich rutsche mit dem Gesäß näher an ihn heran, beuge die Knie, sodass meine Füße in seinem Schoß verweilen können. Damit sind wir uns ganz nah und meine Hand vergräbt sich in seinen Haaren, rotes Haar, noch immer. Meine Finger wühlen sich hindurch bis zu seiner Kopfhaut, kreisen und kratzen zart, wandern hinter sein rechtes Ohr, kraulen. An das andere Ohr lege ich meine Stirn, meine Nase findet Platz in seiner Ohrmuschelhöhle, als wäre es schon immer entsprechend vorgesehen gewesen, was natürlich Unsinn ist, ich bekomme kaum Luft und fange an zu schnaufen.

Es gibt kein Schicksal, wir sind nicht schon immer füreinander bestimmt gewesen, das zweimalige Kreuzen unserer Wege, es war der pure Zufall. Und einzig, weil wir beide vielleicht besser spät als nie erkannt haben, dass nicht alles stimmen muss zwischen zwei Menschen, nur etwas von Gewicht, sind wir miteinander heimgegangen und haben diese Wochen erlebt. Ich löse die Nase aus seinem Ohr, um Luft zu holen.

Wie ist es, zu wissen, dass man sterben wird? Nicht irgendwann, sondern sehr bald?

Es ist schade, doch schenkt andererseits eine unfassbare Klarheit. Nicht alles, was mir klar wird, ist angenehm.

Was bestürzt dich am meisten? Dass das Leben derart banal war. Er wendet mir sein Gesicht zu und ich lege meine Lippen auf die seinen, lege sie wahrlich nur leicht an und presse sie nicht darauf, es ist vielmehr ein Treffen denn ein Kuss, zwei Münder, die sich wie zum allerersten Mal begegnen, jede Lippenlinie neuartig und interessant, jede Vertiefung fremd und erforschbar, die Haut so zart und roh, so verletzlich, so begehrenswert, so lebendig. Noch.

Und für dich, Malin, wie ist es, zu wissen, dass ich sterben werde?

So traurig. Ich dachte, wir hätten mehr Zeit. Ich sage so traurig und klinge lächerlich dabei. Ich könnte sagen, so unendlich traurig, unfassbar, unermesslich, doch auch diese Wörter taugen nichts. Die Sprache taugt nicht für all das hier und ich versuche nicht mal mehr, sie der Wirklichkeit in mir anzupassen. Vielleicht könnte sich ja meine Wirklichkeit der Sprache anpassen, somit wäre ich am Ende wirklich nur so traurig. Ich fühle mich unvorbereitet. All die letzten Jahre habe ich mir Gedanken über meinen eigenen Tod gemacht und besonders elegant war ich dabei nicht. Sie hat mich gequält, die Vorstellung, es würde ohne mich weitergehen und die Gleichgültigkeit der Welt mir gegenüber. Da hätte ich doch gar nicht kommen brauchen, wenn es doch genauso ohne mich geht! Mit der Eitelkeit eines trotzigen Kindes habe ich mich an dieser Betrachtung abgestrampelt. Nun ist ein Mensch mehr in meinem Kopf und ich beklage, ohne ihn weitermachen zu müssen. Jedes mehr bringt mehr Schmerz. Doch vielleicht muss das so nicht sein. Vielleicht macht es die Sache einfacher. Gemeinsam mit Ben sitze ich auf dieser Couch, spreche über seinen Tod und als wäre es das Natürlichste auf der Welt, löst sich ein Muster in meinem Kopf für immer auf.

Wir sind alt, setze ich fort, denn Ben hat mir die Zeit zum Nachdenken gelassen. Dieser Umstand hat mich wohl zumindest davor bewahrt, allzu große Pläne zu schmieden und dir einen Antrag zu machen.

Das wäre jetzt echt blöd gewesen, die ganzen Hochzeitseinladungen stornieren zu müssen, entgegnet er mit ernster Miene.

Ha, so isses! Wir lachen erneut. Lachen und über den Tod sprechen. Über den Tod sprechen und lachen. Vielleicht sollte es so sein. Bestimmt sollte es so sein. Ganz bestimmt sollten wir erst erstarren wenn es dran ist und nicht schon Jahrzehnte vorher wenn der erste Freund zu Grabe getragen wird oder die eigene Mutter. Wie viele nur von uns versteifen sich im Schreck vor dem Ende lange bevor sich die Proteine in uns tatsächlich so verbinden, dass kein Muskel mehr entspannen kann. Wir sollten es machen wie die Katzen, leben und jagen und spielen und dann zurückziehen und sterben.

Aber ich bin keine Katze. Schau mal, fahre ich deswegen mit gedämpfter Stimme fort und mein Atem geht flacher, die Luft reicht nicht mehr ganz aus. Natürlich stimmt, was alle immer prophezeit haben. Wenn du alt bist, machst du dich nicht mehr so heiß und das meiste bereust du in mittleren Jahren. So weit, so richtig. Ich kann trotzdem nicht behaupten, ganz frei von Reue zu sein.

Was bereust du? Niemals unglücklich verliebt gewesen zu sein. Ernsthaft, das kennst du nicht? Nein. Ich war immer nur in die verliebt, die sich auch in mich verliebt haben. Was sagt das bloß über mich aus?

Zweiunddreißig Tage später ist es soweit. Ich weiß, dass er tot ist, aber ich bleibe noch eine Weile bei ihm. Die Zeit hat ihren Wert verloren, sie ist keine Größe mehr für mich. Für Ben ist sie stehengeblieben, von einem Augenblick auf den anderen und vielleicht sind Augenblicke ohnehin besser geeignet, sich Zeit einzuteilen als die von uns irgendwann festgelegten Sekunden oder Minuten. Herzschläge statt Sekunden, zehn Atemzüge für eine Minute, Verdauungsprozesse statt Stunden, die innere Uhr für den Tag. Wenn ich mit dem Ohr auf einem Kissen liege, kann ich sie sogar ticken hören.

Ben hat all das nicht mehr, es ist nicht mehr wichtig. Zweiunddreißig Tage, das hätte ein Zyklus in meinem Körper sein können in jungen Jahren. Doch selbst das ist nicht von Dauer. Ich lebe noch, aber der Zyklus ist beendet. Halt gibt es immer nur vorübergehend, ich kann ihn innen finden oder außen, doch früher oder später rutsche ich ab. Es sei denn, ich springe vorher. Ich habe mir das die letzten Wochen überlegt. Wenn er tot ist, fahre ich in die Sächsische Schweiz und stürze mich von einem Felsen.

Doch vielleicht mache ich es doch anders.

Epilog

Du hast dich dagegen gewehrt. Wir haben dich wieder und wieder darum gebeten, es war noch Zeit. Nun hat dein Herz aufgehört zu schlagen und uns bleibt nichts von dir. Wir wollten es so sehr. Du wolltest es nicht. Noah kann diese Entscheidung nicht verstehen, er leidet unter der Grausamkeit. Ich verstehe dich und doch glaube ich, du hättest am Ende mehr an uns und weniger an dich denken sollen. Du bist tot, für dich ist es egal. Wir sind am Leben und fühlen noch. Wir fühlen uns allein gelassen.

Es muss doch nicht mehr sein, wie es früher einmal war. Die Körper vergehen, aber wir sind so viel mehr. Wir könnten sie jetzt noch hören, deine Stimme. Wir könnten sie jetzt noch bekommen, deine Antworten. Du könntest doch weiterhin für uns da sein, wir könnten dich doch noch haben, eine Mutter wann immer wir sie brauchen. Noah ist so einsam. Er findet nicht zurück in dieses Leben, wie auch, ihm wurden die Wege abgeschnitten. Er bräuchte dich jetzt am dringendsten. Deswegen hat er dich gedrängt, die Aufnahmen zu machen. Es hätte doch bloß ein paar Stunden gedauert, heute geht das alles so schnell. Ich weiß, das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass du von dir nichts hergeben wolltest, du wolltest alles mitnehmen. Aber du hast dabei eines übersehen. Wir hätten gewusst, dass es nicht du bist, die zu uns spricht. Wir sind keine dummen Kinder mehr, wir kennen den Unterschied zwischen Schein und Sein, doch der Punkt ist, er ist uns einerlei. Es bedeutet uns nichts, ob etwas echt ist oder es nur vorgibt, hauptsache es ist gut gemacht. Jeder begreift, dass Träume nicht die Wirklichkeit sind, doch hättest du deswegen darauf verzichten wollen, zu träumen? Wir wollten uns täuschen lassen, dann und wann, einfach damit es uns besser geht. Was ist falsch daran, glücklich sein zu wollen? Du hättest uns glücklich machen können. Es wäre ein Akt der Liebe gewesen. Wir lieben dich, haben wir zu dir gesagt. Eben drum, hast du erwidert. Du hast dich gegen die Liebe entschieden und für die Wahrheit. Das ist sowas von vorgestern. Hast du überhaupt jemals geliebt?

Ende der freigelassenen Online-Ausgabe · Ann Ju
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